Ob eine CO₂-Abscheideanlage im Zementwerk taugt, zeigt sich erst unter realen Betriebsbedingungen. Holcim hat deshalb am 21. August 2026 in Höver eine membranbasierte Testanlage für die industrielle Abscheidung von CO₂ in Betrieb genommen. Der Schritt führt vom Pilotmaßstab in einen größeren Testbetrieb. Klimaneutralen Zement belegt er noch nicht.
Das Wichtigste in 30 Sekunden
- Holcim testet im Werk Höver eine nachgeschaltete Membrananlage zur CO₂-Abscheidung.
- Die erste größere Ausbaustufe ist auf bis zu 10.000 Tonnen CO₂ pro Jahr ausgelegt. Das ist eine Kapazitätsangabe, kein gemessener Jahresertrag.
- Der Test muss Abscheiderate, CO₂-Reinheit, Energiebedarf, Verfügbarkeit und Langzeitstabilität unter realen Bedingungen zeigen.
- Holcim nennt rund 90 Prozent für eine spätere finale Ausbaustufe als Ziel. Das ist kein aktueller Messwert.
- Erst danach stellt sich die Frage, ob das CO₂ genutzt (CCU) oder dauerhaft gespeichert (CCS) werden kann.

Was in Höver gestartet ist
Die Testanlage sitzt hinter dem eigentlichen Zementprozess. Das macht sie für bestehende Werke interessant: Nach Holcims Beschreibung soll sich eine solche End-of-Pipe-Lösung nachrüsten lassen, ohne den grundlegenden Herstellungsprozess vollständig umzubauen. Das Helmholtz-Zentrum Hereon und Cool Planet Technologies sind als Technologiepartner beteiligt.
Die erste größere Ausbaustufe soll bis zu 10.000 Tonnen CO₂ pro Jahr abscheiden können. Das beschreibt die geplante Größenordnung der Anlage, nicht die Menge, die Höver bereits im Jahresbetrieb abgeschieden hat. Gleiches gilt für Holcims Ziel, in einer finalen Ausbaustufe rund 90 Prozent der jährlichen Standortemissionen abzuscheiden: Es handelt sich um ein langfristiges Unternehmensziel, nicht um einen aktuellen Abscheidegrad. Klimaneutralen Zement weist die Inbetriebnahme damit nicht nach.
Warum Zement besondere Emissionen verursacht
Die Emissionen stammen nicht nur aus dem Brennstoff für den Ofen. Bei der Klinkerherstellung werden karbonathaltige Rohstoffe umgewandelt. Dabei wird CO₂ aus dem Material selbst frei. Erneuerbarer Strom und ein effizienterer Ofen können den Energieanteil senken, beseitigen diese Prozessemissionen aber nicht vollständig.
CO₂-Abscheidung ist deshalb ein möglicher Baustein für schwer vermeidbare Industrieemissionen. Sie ersetzt andere Ansätze nicht. Weniger materialintensive Bauweisen, Recycling und alternative Zement- oder Baustoffpfade gehören ebenfalls in die Debatte. Der Höver-Test entscheidet nicht, welcher Weg am Ende überwiegt. Er soll zunächst zeigen, wie sich ein konkretes Verfahren im Werk verhält.
Wie die Membrantrennung funktioniert
Das Rauchgas strömt bei der Membrantrennung an einer selektiven Polymerschicht vorbei. Die enthaltenen Gase lösen sich unterschiedlich in dieser Schicht und diffundieren unterschiedlich schnell hindurch. Eine Drucktriebkraft setzt die Trennung in Gang.
Die Membran allein macht aber noch keine Anlage. Vor der Trennstufe muss das Rauchgas passend vorbehandelt werden. Druck, Temperatur, Gaszusammensetzung, Moduldesign und Prozessregelung bestimmen die praktische Leistung mit. Je nach Auslegung können Kompressoren oder Vakuumpumpen nötig sein. Aus dem physikalischen Prinzip lässt sich daher kein bestimmter Abscheidegrad, keine bestimmte Reinheit und keine fertige Energiebilanz für Höver ableiten.

Was der Test zeigen muss
Ein kleiner Pilotversuch kann zeigen, dass ein Verfahren grundsätzlich funktioniert. Im größeren Maßstab werden die Fragen konkreter: Bleibt die Trennung bei wechselnder Ofenlast stabil? Wie reagieren die Membranen auf Zusammensetzung, Feuchte und Temperatur des realen Rauchgases? Und wie viel Aufwand entsteht für Vorbehandlung, Druckaufbau und Aufbereitung?
| Belegt oder angekündigt | Was der Betrieb noch zeigen muss |
|---|---|
| Inbetriebnahme der Testanlage am 21.08.2026 | Stabile Leistung über längere Laufzeiten |
| Bis zu 10.000 Tonnen CO₂ pro Jahr als erste Ausbaustufe | Tatsächliche Abscheiderate und Verfügbarkeit |
| Selektive Membrantrennung mit Drucktriebkraft | CO₂-Reinheit, Energie- und Druckbedarf im Gesamtsystem |
| Rund 90 Prozent als langfristiges Ziel einer finalen Ausbaustufe | Nachweis, ob dieses Ziel technisch und wirtschaftlich erreichbar ist |
Diese Trennung ist für die Einordnung entscheidend. Eine Projektbeschreibung nennt Ziele und Auslegung. Erst Messwerte aus dem Dauerbetrieb zeigen, ob die Anlage in ein bestehendes Werk passt und welchen zusätzlichen Aufwand sie verursacht.
Warum die CO₂-Kette danach weitergeht
Abgeschiedenes CO₂ ist noch kein fertiger Klimapfad. Es muss aufbereitet, in der nötigen Qualität weitergeleitet und anschließend genutzt oder gespeichert werden. CCU und CCS bezeichnen dabei unterschiedliche Wege.
- Rauchgas
- Das CO₂ entsteht zusammen mit weiteren Bestandteilen des Zementprozesses.
- Abscheidung
- Die Membran trennt CO₂ bevorzugt ab; Vorbehandlung und Druckführung gehören zum System.
- Aufbereitung
- Für eine spätere Verwendung oder Speicherung sind Qualität, Messung und zusätzliche Prozessschritte relevant.
- CCU oder CCS
- CCU nutzt CO₂ in Produkten, Chemikalien oder Kraftstoffen. CCS transportiert es zur dauerhaften geologischen Speicherung.
Die EU-Kommission und das Joint Research Centre zählen Transport, Genehmigungen, Messung und klare Verantwortlichkeiten zu einer solchen Wertschöpfungskette. Für Höver ist damit noch keine fertige Logistik belegt. Offen bleibt, ob das abgeschiedene CO₂ zunächst für weitere Tests konditioniert, als industrieller Rohstoff genutzt oder in einen dauerhaften Speicherpfad überführt wird.

Ein wichtiger Test, kein fertiges Klimaversprechen
Der Wert des Projekts liegt in der Prüfung unter industriellen Bedingungen. Ein Verfahren, das kontrolliert funktioniert, muss im Zementwerk mit wechselnden Betriebszuständen, realem Rauchgas und längeren Laufzeiten zurechtkommen. Hinzu kommen Fragen jenseits der Membran: Energiebedarf, Verfügbarkeit, CO₂-Qualität, Transport sowie ein verlässlicher Abnehmer oder Speicher.
Höver kann damit Erkenntnisse für andere europäische Zementwerke liefern. Als Modell für die gesamte Branche taugt die Anlage erst, wenn diese Nachweise vorliegen und die Kette vom Rauchgas bis zur Nutzung oder Speicherung funktioniert. Bis dahin ist die Inbetriebnahme eine relevante technische Nachricht – und der Beginn einer Messphase, nicht ihr Ergebnis.
Häufige Fragen
Scheidet die Anlage bereits 10.000 Tonnen CO₂ pro Jahr ab?
Nein. Bis zu 10.000 Tonnen pro Jahr sind als geplante Kapazität der ersten größeren Ausbaustufe angegeben. Ein gemessener Jahresertrag ist daraus nicht abzuleiten.
Produziert Holcim in Höver jetzt klimaneutralen Zement?
Nein. Die Abscheidung ist ein Test in einer möglichen technischen Kette. Ob daraus eine relevante Klimawirkung entsteht, hängt zusätzlich von Energiebedarf, Aufbereitung, Transport, Nutzung oder dauerhafter Speicherung ab.
Was ist der Unterschied zwischen CCU und CCS?
CCU steht für die Nutzung des abgeschiedenen CO₂ in Produkten, Chemikalien oder Kraftstoffen. CCS bezeichnet den Transport und die dauerhafte geologische Speicherung. Beide Wege brauchen zusätzliche Infrastruktur und sind nicht dasselbe.
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Quellen und weiterführende Informationen
- Holcim Deutschland: Meilenstein für zukunftsfähige Zementproduktion in Höver
- KEI: ErfMemDekZem – CO₂-Abscheidung von Rauchgasen in der Zementproduktion
- Helmholtz-Zentrum Hereon: Membrane Research / Process Engineering
- Europäische Kommission: Industrial carbon management
- Europäische Kommission: Questions and Answers on the EU Industrial Carbon Management Strategy
- NDR: Zement-Produktion: Wie klimafreundlich kann Schwerindustrie werden?
Hinweis: Für diesen Artikel wurden KI-gestützte Recherche- und Editierwerkzeuge verwendet. Der Inhalt wurde redaktionell geprüft. Stand: 2026-08-22