
Ein Kraftwerk außerhalb Europas kann zum Klima-Fußabdruck der EU beitragen, obwohl keine seiner Stromleitungen in die Union führt. Seine Energie wird dann für Waren gebraucht, die über ihre Lieferketten die europäische Nachfrage bedienen. Rund 35 Prozent des EU-Fußabdrucks entstanden 2023 im Ausland. Der Traded Emissions Tracker macht sichtbar, wie solche Verbindungen zustande kommen – und warum ausländische Energieversorgung darin eine wichtige Rolle spielt.
Wie die Energie für Stahl in Europas Bilanz gelangt
Am Anfang steht ein einfaches, ausdrücklich schematisches Beispiel aus der Methodik des Trackers: Dieselbe Menge Stahl wird in elektrischen Öfen hergestellt, einmal mit Kohle-, einmal mit Wasserkraft. Die unterschiedliche Energieversorgung verändert die Emissionsbilanz der Herstellung. Wird der Stahl später für die europäische Endnachfrage verwendet, gehören auch die damit verbundenen Emissionen zur Bilanz dieses Bedarfs. Der Strom kann dabei vollständig im Herstellungsland verbraucht worden sein.
In der aktuellen Darstellung erscheint der Unterschied zwischen beiden Varianten beim Energieversorger. Der Stahlsektor bekommt die Emissionen seines Stromverbrauchs nicht als entsprechenden Zusatz zugeschlagen. Das Beispiel vergleicht keine benannten Fabriken und setzt Wasserkraft auch nicht mit Emissionsfreiheit gleich. Es erklärt die Sortierung des Dashboards: Die Emissionen bleiben dem Wirtschaftsbereich zugeordnet, in dem sie freigesetzt wurden, während das Modell ihre Verbindung zur späteren Endnachfrage verfolgt.
So lässt sich die auffällige Position von „Power generation“ verstehen. Für 2023 weist der Tracker hier rund 378 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente aus. Das sind 26,8 Prozent der außerhalb der EU entstandenen Emissionen ihres Fußabdrucks. Hinter der Bezeichnung steckt ein breiterer Wirtschaftsbereich: Neben Elektrizität umfasst er die Versorgung mit Gas, Dampf und Klimatisierung. Die Zahl beschreibt also Emissionen der Energieversorgung entlang von Lieferketten, keine Klimabilanz europäischer Stromimporte.
Wer die ausgewiesenen Werte eines verarbeitenden Sektors liest, muss diese Trennung mitdenken. Dessen strombedingte Emissionen stehen derzeit beim Energieversorger. Für eine konkrete Lieferkette kommt es deshalb darauf an, welche Energie an welchem Verarbeitungsschritt eingesetzt wird. Wie stark die einzelnen Schritte eine Umweltbilanz prägen können, erläutert auch unsere Vertiefung „Wasserstoffimporte: Warum Ökostrom allein nicht reicht“ anhand der jeweiligen Prozesskette.
Was zur europäischen Endnachfrage gehört
Der Konsumfußabdruck verbindet den Ort einer Emission mit der Nachfrage, für die eine wirtschaftliche Leistung letztlich erbracht wird. „Konsum“ meint dabei mehr als private Einkäufe. Auch staatliche Leistungen und Investitionen, etwa in Gebäude oder Ausrüstung, gehören zur Endnachfrage. Die Bilanz erfasst somit den Bedarf einer gesamten Volkswirtschaft einschließlich seiner weltweiten Vorketten, nicht bloß den Inhalt europäischer Einkaufswagen.
Beim Stahl lässt sich der Weg gut weiterverfolgen. Kauft eine Autofabrik ihn zur Verarbeitung, ist er zunächst eine Vorleistung. Das fertige Auto, das ein Haushalt kauft, gehört dagegen zur Endnachfrage. Auf dem Weg dorthin können mehrere Unternehmen und Länder beteiligt sein. Das Modell verknüpft diese Stufen, um die Emissionen der Herstellung dem endgültigen Bedarf zuzuordnen. Dabei wird nicht jede Zwischenlieferung erneut als zusätzlicher Konsum gezählt.
Für die EU ergibt sich 2023 so ein Konsumfußabdruck von rund 4,0 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalenten. Etwa 1,4 Milliarden Tonnen davon entstanden außerhalb der Union: rund 35 Prozent. CO2-Äquivalente machen die Klimawirkung unterschiedlicher Treibhausgase auf einer gemeinsamen Skala vergleichbar. Die Bilanz reicht also über Kohlendioxid hinaus. Emissionen und Bindungen aus Landnutzung, Landnutzungsänderungen und Forstwirtschaft sind allerdings nicht enthalten.
Mit den gerundeten Eurostat-Zahlen wird die Rechnung übersichtlich: 2,6 Milliarden Tonnen entstanden in der EU für die Endnachfrage in der EU. Dazu kamen 1,4 Milliarden Tonnen aus der Produktion außerhalb der Union für denselben Bedarf. Zusammen ergeben sie die rund 4,0 Milliarden Tonnen. Weitere 0,7 Milliarden Tonnen aus der EU-Produktion dienten ausländischer Endnachfrage. Sie zählen zum EU-Produktionskonto, werden aber nicht zum europäischen Konsumfußabdruck addiert.

Dieser Wechsel der Perspektive erzeugt keine zusätzlichen globalen Emissionen. Er ordnet dieselben Emissionen nach einer anderen Frage: Welche hängen mit unserer Endnachfrage zusammen, und welche entstehen durch die ansässige Wirtschaft? Das Produktionskonto folgt dabei dem Ansässigkeitsprinzip. Es umfasst beispielsweise auch internationale Transporte durch EU-basierte Betreiber. Das territoriale Klimainventar orientiert sich dagegen am geografischen Gebiet. Produktionskonto, territoriales Inventar und Konsumfußabdruck ergänzen sich, weil sie unterschiedliche Zusammenhänge beschreiben.
Emissionsherkunft ist nicht gleich Handelsweg
Auch die Länderansicht des Trackers folgt der Verbindung zwischen Emissionsquelle und Endnachfrage. Eine angezeigte Verbindung von China zur EU bedeutet: Die Emissionen entstanden in China und werden europäischem Bedarf zugerechnet. Das betreffende Vorprodukt kann zuvor durch ein verarbeitendes Drittland gegangen sein. Die Darstellung verbindet damit Anfang und Ende einer wirtschaftlichen Beziehung, ohne jeden tatsächlichen Transportweg dazwischen abzubilden.
Chinas ausgewiesener Anteil von 26,2 Prozent bezieht sich entsprechend auf die importierten Emissionen der EU, nicht auf ihren gesamten Fußabdruck. Bei den Sektoren gilt dieselbe Logik: „Grundmetalle“ bezeichnet den Bereich, in dem Emissionen entstanden sind. Das Metall kann Europa später als Teil einer Maschine oder eines Autos erreichen. Ein großes Herkunftssegment sagt deshalb etwas über die Emissionsquellen aus, liefert aber noch keine eindeutige Liste importierter Endprodukte.
Die Grundlage dafür ist eine gesamtwirtschaftliche Modellierung. Globale Emissionskonten werden mit sogenannten Input-Output-Tabellen verbunden. Diese bilden ab, wie Wirtschaftsbereiche und Länder einander Vorleistungen liefern. Der von der European Climate Foundation initiierte und finanzierte Tracker nutzt dafür Eurostat-FIGARO-Daten; die methodische Projektleitung liegt bei Matière. Die Ergebnisse hängen von den zugrunde liegenden Wirtschafts- und Emissionsdaten ab und sind als Größenordnungen und Trends zu lesen.
Der Nutzen des Werkzeugs liegt vor allem im anschaulichen Zugang zu diesen Verflechtungen. Der 35-Prozent-Befund stand bereits in Eurostats Auswertung vom Februar 2026; die Medienberichterstattung vom 8. September 2026 greift den Tracker auf. Das Datenjahr bleibt 2023. Es handelt sich also um eine neue Aufbereitung vorhandener Daten, nicht um eine eigenständige Messstudie zu einzelnen Importwaren.
Europas Emissionen sinken auch mit Blick auf den Konsum
Der Blick entlang der Lieferketten erweitert die europäische Klimabilanz. Zugleich zeigt er, dass die bisherigen Rückgänge auch in dieser umfassenderen Perspektive bestehen bleiben. Von 2013 bis 2023 sank der EU-Konsumfußabdruck laut Eurostat um 12,9 Prozent. Die produktionsbasierten Emissionen gingen im selben Zeitraum um 18,6 Prozent zurück. Die Nachfragebilanz sank damit langsamer, aber sie sank ebenfalls – einschließlich der Emissionen ihrer ausländischen Vorketten.
Warum beide Reihen unterschiedlich schnell zurückgingen, lässt sich aus diesen Zahlen allein nicht erklären. Insbesondere belegen sie nicht, dass EU-Klimapolitik Produktion ins Ausland verlagert habe. Dafür müsste untersucht werden, welche Produktion aus welchen Gründen den Standort wechselte und was ohne diese Politik geschehen wäre. Der Tracker ordnet Emissionen wirtschaftlichen Verflechtungen zu; eine solche Ursachenanalyse leistet er nicht. Ebenso wenig folgt aus ihm, dass eine Rückverlagerung automatisch Emissionen sparen würde.
Welche Angaben der Einkauf zusätzlich braucht
Für die Beschaffung macht das Dashboard eine wichtige Verbindung verständlich: Zur Klimabilanz eines Bauteils kann die Energieversorgung eines weit entfernten Zulieferers gehören, selbst wenn weder dieser Versorger noch dessen Strom unmittelbar mit Europa in Kontakt kommen. Ein Länder- oder Sektorwert reicht jedoch nicht aus, um zwei konkrete Angebote zu vergleichen. Dafür sind Angaben zur tatsächlichen Herstellung, zum Energieeinsatz und zu den Vorketten des jeweiligen Lieferanten nötig.
Welche Rolle produktbezogene Informationen dabei spielen können, beschreibt unsere Erklärung zum digitalen Batteriepass. Der Tracker bietet den gesamtwirtschaftlichen Blick auf Emissionsherkunft und Endnachfrage. Bei der konkreten Bestellung bleibt die entscheidende Frage genauer: Welcher Energiemix steckt tatsächlich hinter dem angebotenen Bauteil, und in welchen Herstellungsschritten wird diese Energie gebraucht?
Quellen und weiterführende Informationen
- Traded Emissions Tracker: EU, Datenjahr 2023
- Traded Emissions Tracker: Methodik und Grenzen
- Eurostat: What is the EU’s greenhouse gas footprint per capita?, 19. Februar 2026
- Eurostat: Greenhouse gas emission footprints
- Euronews: Berichterstattung zum Tracker, 8. September 2026
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