Sonntag, 26. April 2026

Wirtschaft

Erneuerbaren-Ausschreibungen: Wann sie neuen Ausbau auslösen

Erneuerbaren-Ausschreibungen sollen neuen Ökostrom nicht nur ankündigen, sondern tatsächlich finanzierbar machen. Genau daran entscheidet sich auch in New York, ob aus einer neuen Beschaffungsrunde viele…

Von Wolfgang

25. Apr. 20266 Min. Lesezeit

Erneuerbaren-Ausschreibungen: Wann sie neuen Ausbau auslösen

Erneuerbaren-Ausschreibungen sollen neuen Ökostrom nicht nur ankündigen, sondern tatsächlich finanzierbar machen. Genau daran entscheidet sich auch in New York, ob aus einer neuen Beschaffungsrunde viele Zuschläge, teure Gebote oder eine dünne Beteiligung entstehen. Der…

Erneuerbaren-Ausschreibungen sollen neuen Ökostrom nicht nur ankündigen, sondern tatsächlich finanzierbar machen. Genau daran entscheidet sich auch in New York, ob aus einer neuen Beschaffungsrunde viele Zuschläge, teure Gebote oder eine dünne Beteiligung entstehen. Der Mechanismus ist nüchtern: Ausschreibungen wirken dann, wenn Preisdesign, Vertragslaufzeit, Projektreife und Netzanschluss zusammenpassen. Dieser Bericht erklärt, wann solche Runden zusätzliche Kapazität schaffen, warum Regierungen auf langfristige Beschaffung setzen und welche Folgen das für Entwickler, Versorger, Netzplaner und Stromkunden hat.

Das Wichtigste in Kürze

  • Erneuerbaren-Ausschreibungen schaffen nur dann wirklich neue Kapazität, wenn genügend genehmigungsfähige und finanzierbare Projekte vorhanden sind und der Netzanschluss nicht zum Flaschenhals wird.
  • Langfristige Verträge senken meist das Gebotsniveau, weil sie Investitionsrisiken mindern; zugleich verlagern sie Preis- und Abnahmerisiken teilweise auf Staat, Versorger oder Stromkunden.
  • New York zeigt exemplarisch, dass Beschaffungsrunden mehr sind als ein Preiswettbewerb: Teilnahmebedingungen, Zertifizierung und nicht preisliche Kriterien steuern mit, welche Projekte am Ende überhaupt umsetzbar sind.

Wann Ausschreibungen mehr sind als ein Preiswettbewerb

Wenn Regierungen neue Runden für Wind- oder Solarstrom öffnen, geht es nicht bloß darum, das billigste Angebot zu finden. Ausschreibungen entscheiden darüber, welche Projekte bankfähig werden, welche Mengen neuer Ökostrom tatsächlich gebaut werden und zu welchen langfristigen Kosten dieser Strom ins System kommt. Für Projektentwickler ist das eine Finanzierungsfrage, für Versorger eine Beschaffungsfrage, für Netzplaner eine Infrastrukturfrage und für Stromkunden am Ende auch eine Preisfrage.

New York ist dafür ein gutes Beispiel. Der Bundesstaat nutzt seit Jahren staatlich organisierte Beschaffungspfade über NYSERDA, also die Energieagentur des Staates, statt allein auf Marktpreise oder pauschale Förderanreize zu setzen. Der eigentliche Prüfstein liegt dabei immer an derselben Stelle: Bringt die Ausschreibung zusätzliche Kapazität hervor, oder verteilt sie nur Risiken und Kosten neu? Genau davon hängen hohe Zuschlagszahlen, teure Gebote oder eine schwache Teilnahme ab.

Zusätzliche Kapazität entsteht erst, wenn der Zuschlag baureife Projekte erreicht

Eine Ausschreibung erzeugt nicht automatisch neue Anlagen. Sie sortiert eine bestehende Projektpipeline nach vorgegebenen Regeln. Zusätzliche Kapazität entsteht deshalb erst dann, wenn die ausgewählten Vorhaben realistisch gebaut werden können: mit gesicherter Fläche, belastbarer Genehmigungslage, tragfähiger Finanzierung und einem Netzanschluss, der nicht erst Jahre später verfügbar wird. Fehlt einer dieser Punkte, kann selbst ein formal erfolgreicher Zuschlag später versanden.

Im New Yorker Modell zeigt sich diese Logik deutlich. NYSERDA verlangt für große Tier-1-Projekte eine formale Zertifizierung und die Registrierung im Herkunftsnachweissystem NYGATS. Das ist mehr als Bürokratie. Es filtert Projekte danach, ob sie die Mindestvoraussetzungen für die Teilnahme erfüllen. Die öffentlich dokumentierte Tier-1-Runde 2024 endete mit Verträgen für 26 Projekte und zusammen 2.566 Megawatt. Diese Zahl ist aufschlussreich, weil sie zeigt, was Ausschreibungen im Idealfall leisten: Sie machen aus politisch gewünschtem Ausbau konkret kontrahierte Projekte. Ob daraus später vollständig neue Einspeisung wird, entscheidet dann die Umsetzungsqualität.

Preisdesign und Vertragsdauer verteilen das Risiko neu

Der wichtigste Hebel jeder Ausschreibung ist nicht nur der Zuschlagspreis, sondern die Art des Vertrags. Internationale Auswertungen von IRENA und Fraunhofer ISI zeigen seit Jahren denselben Zusammenhang: Je verlässlicher die Erlöse über längere Zeit abgesichert sind, desto niedriger fällt meist das Gebot aus. Der Grund ist simpel. Entwickler und finanzierende Banken kalkulieren geringere Markt- und Refinanzierungsrisiken, also sinkt der Risikoaufschlag im Preis.

Genau deshalb setzen Regierungen häufig auf langfristige Abnahmeverträge, feste oder gleitende Prämienmodelle und andere Formen abgesicherter Vergütung statt nur auf den Spotmarkt. In New York spricht NYSERDA bei den großen Erneuerbaren explizit von langfristigen Verträgen. Das schafft Planbarkeit, ist aber kein Gratisvorteil. Was Investoren an Unsicherheit verlieren, landet teilweise bei öffentlicher Hand, Versorgern oder Stromkunden. Werden Preise, Mengen oder Abnahmeverpflichtungen zu großzügig abgesichert, sinken zwar Gebote, zugleich wächst das Risiko, dass Verbraucher länger für zu teure Verträge zahlen. Werden Verträge dagegen zu kurz oder zu marktnah konstruiert, steigen Gebote oder die Beteiligung fällt schwächer aus, weil Finanzierung schwieriger wird.

Netzanschluss und Standortqualität entscheiden über Teilnahme und Kosten

Der oft unterschätzte Preistreiber liegt nicht im Turbinen- oder Modulpreis, sondern im Anschluss ans System. Wenn Entwickler nicht wissen, wann ein Umspannwerk verfügbar ist, wer Netzausbaukosten trägt oder wie lang die Warteschlange für den Anschluss ist, kalkulieren sie dieses Risiko in ihre Gebote ein. Das treibt Preise nach oben. Wird das Risiko zu groß, bleiben Gebote ganz aus. Dann endet eine Ausschreibung nicht mit günstigen Verträgen, sondern mit Unterzeichnung oder einer auffällig dünnen Konkurrenz.

Für genau diesen Punkt sind nicht preisliche Kriterien relevant. NYSERDA arbeitet etwa mit einer Smart Solar Siting Scorecard, also einem Bewertungssystem, das Standort- und Gestaltungsqualität von Solarprojekten mit erfasst. Dahinter steckt eine klare Systemlogik: Nicht jede zusätzliche Megawattstunde ist gleich wertvoll, wenn sie an einem konfliktreichen Standort entsteht, Verzögerungen auslöst oder hohe Folgekosten im Netz verursacht. Die Lehre reicht weit über New York hinaus. Auch in Deutschland und Europa entscheidet der Netzanschluss immer öfter darüber, ob Ausschreibungen tatsächlich Zubau beschleunigen oder nur einen Mangel an anschlussreifen Projekten sichtbar machen.

Warum Regierungen Beschaffungsrunden nicht dem Markt allein überlassen

Reine Marktanreize haben Grenzen. Ein hoher Strompreis oder ein CO2-Preis kann Investitionen anstoßen, garantiert aber weder das gewünschte Ausbauvolumen noch den zeitlichen Takt noch die regionale Verteilung. Genau deshalb greifen viele Staaten zu Beschaffungsrunden. Sie können festlegen, welche Mengen benötigt werden, welche Technologien konkurrieren, welche Qualitätsanforderungen gelten und unter welchen Bedingungen Projekte bankfähig werden. Für Offshore-Wind organisiert New York sogar einen eigenen, getrennten Beschaffungspfad.

Das macht Ausschreibungen politisch attraktiv, aber auch anspruchsvoll. Zu große Volumina können den Markt überfordern, zu enge Fristen schrecken Bieter ab, zu niedrige Höchstpreise führen zu taktischen oder unrealistischen Geboten. Gut funktionierende Ausschreibungen ersetzen daher nicht den restlichen Ordnungsrahmen. Sie brauchen eine Genehmigungspraxis, die Projekte nicht ausbremst, Netzdaten, die belastbar sind, und eine mehrjährige Beschaffungsplanung, auf die sich Unternehmen einstellen können. Erst in dieser Kombination wird aus Förderpolitik ein belastbarer Ausbaupfad.

New York zeigt die eigentliche Lehre hinter jeder neuen Runde

Ob eine neue Beschaffungsrunde viele Zuschläge, teure Gebote oder eine schwache Teilnahme hervorbringt, ist selten eine Frage der politischen Schlagzeile. Ausschlaggebend sind Projektreife, Vertragslogik, Netzanschluss und die Verteilung der Risiken. Erneuerbaren-Ausschreibungen schaffen dann zusätzlichen Ausbau, wenn sie politische Ziele in umsetzbare, finanzierbare und anschlussfähige Projekte übersetzen. Für Marktteilnehmer lohnt deshalb ein nüchterner Blick auf die Regeln hinter der Runde: Nicht der niedrigste Preis allein zeigt, ob der Ausbau gelingt, sondern die Wahrscheinlichkeit, dass aus dem Zuschlag wirklich neuer Strom im Netz ankommt.

Wer Ausschreibungen bewerten will, sollte zuerst auf Anschluss, Vertragsdesign und Projektreife schauen.