TikTok: EU will Endlos-Scrollen bremsen – was ändert sich für dich?

Viele merken erst nach dem Blick auf die Uhr, wie lange sie in einem Feed hängen geblieben sind. Genau solche Mechaniken stehen bei TikTok im Fokus der EU: Unter dem Stichwort TikTok EU addictive design prüft die Europäische Kommission, ob bestimmte Designentscheidungen wie Endlos-Scrollen, Autoplay, Push-Benachrichtigungen und stark personalisierte Empfehlungen systemische Risiken verstärken. Für dich in Deutschland ist entscheidend, was daran bereits offiziell bestätigt ist, welche Änderungen realistisch sind und woran du echte Umstellungen in der App erkennst. Dazu kommen praktische Schritte, mit denen du schon jetzt deine Nutzung spürbar entschärfen kannst.

Einleitung

Du wolltest nur kurz ein Video ansehen, und plötzlich sind 30 Minuten weg. Das ist kein persönliches Versagen, sondern oft das Ergebnis von Produktdesign, das Reibung reduziert und Belohnungen clever verteilt. TikTok ist dabei ein besonders prägnantes Beispiel, weil das Format (kurze Clips, schneller Wechsel, hoher Personalisierungsgrad) sehr gut mit Mechaniken funktioniert, die Nutzungszeit verlängern können.

Genau an dieser Stelle setzt die EU an. Die Europäische Kommission hat 2024 ein formelles Verfahren gegen TikTok unter dem Digital Services Act (DSA) eröffnet. Am 2026-02-06 veröffentlichte sie zudem eine vorläufige Einschätzung, in der sie konkret Designmerkmale nennt, die als riskant bewertet werden. Wichtig: „Vorläufig“ heißt nicht „entschieden“, aber es zeigt, wohin die Reise gehen kann.

In diesem Artikel trennen wir sauber, was offiziell genannt ist und was sich daraus nur als plausible Produktänderung ableiten lässt. Du bekommst außerdem einen alltagstauglichen Werkzeugkasten: Welche Einstellungen lohnen sich, wie du Benachrichtigungen und Feed-Dynamik entschärfst und welche Hinweise in App-Updates auf echte regulatorisch motivierte Änderungen hindeuten.

Was die EU bei TikTok als addictive design sieht

Die Europäische Kommission benennt in ihrer vorläufigen Einschätzung zu TikTok ausdrücklich mehrere Produktmechaniken, die zusammen den Charakter von „addictive design“ annehmen können: Endlos-Scrollen (kontinuierlicher Feed ohne natürliche Stopps), Autoplay (Videos starten und laufen weiter, ohne dass du aktiv „Play“ drücken musst), Push-Benachrichtigungen (Rückhol-Impulse aufs Handy) sowie ein stark personalisierter Empfehlungsfeed. In dieser Kombination entsteht ein System, das Entscheidungen in sehr kleine, schnelle Mikro-Entscheidungen zerlegt: noch ein Clip, noch ein Wisch, noch ein „kurz“.

Was dabei aus EU-Sicht besonders relevant ist: Es geht nicht nur um „viel Nutzung“, sondern um mögliche systemische Risiken, etwa für Wohlbefinden, Konzentration oder den Schutz Minderjähriger. Die Kommission verweist außerdem auf Signale, die sie in der Prüfung betrachtet, wie Nutzungsdauer zu bestimmten Tageszeiten und die Häufigkeit, mit der die App geöffnet wird. Das zeigt: Regulierung zielt hier nicht nur auf einzelne Buttons, sondern auf messbare Nutzungsmuster und darauf, ob Schutzmaßnahmen tatsächlich wirken.

Nach vorläufiger Einschätzung der EU-Kommission können Funktionen wie Endlos-Scrollen, Autoplay, Push-Benachrichtigungen und personalisierte Empfehlungen Risiken verstärken, wenn Schutzmechaniken zu leicht zu umgehen sind.

Für den Alltag bedeutet das: Selbst wenn du das Gefühl hast, „ich könnte jederzeit aufhören“, wirkt das Design oft in die Gegenrichtung. Unabhängige Forschung, die sehr große Plattformen systematisch nach „engagement-verlängernden Designs“ untersucht, beschreibt solche Muster als wiederkehrende Kombination aus „Anreiz“, „Trapping“ (Dranbleiben ohne klaren Abschluss) und „Lulling“ (weiche Übergänge ohne Unterbrechung). Diese Forschung ist keine EU-Entscheidung, liefert aber ein Vokabular, mit dem man UI-Details einordnen kann.

Welche Mechaniken im Fokus stehen und wie sie sich im Alltag anfühlen
Merkmal Beschreibung Wert
Endlos-Scrollen Der Feed hat keinen natürlichen Stopp, neues Material kommt automatisch nach. Du triffst seltener eine bewusste „Jetzt reicht’s“-Entscheidung.
Autoplay Videos starten und wechseln ohne aktive Bestätigung. Die Hürde, „nicht weiterzuschauen“, wird höher.
Push-Benachrichtigungen Hinweise auf neue Inhalte oder Interaktionen holen dich zurück in die App. Unterbrechungen wirken wie kleine „Rückhol-Haken“ im Alltag.
Personalisierter Empfehlungsfeed Ein Algorithmus wählt Clips so aus, dass sie zu deinem Verhalten passen. Du bekommst schneller Treffer, die schwerer zu ignorieren sind.
Schutz- und Zeittools leicht wegklickbar Schutzfunktionen helfen weniger, wenn sie ohne spürbare Reibung übergangen werden. „Ich habe doch Limits“ fühlt sich sicher an, wirkt aber nicht immer.

DSA-Rahmen: Was die Kommission prüfen darf und was drohen kann

Damit das nicht nach „Politik gegen Apps“ klingt, lohnt ein kurzer Blick auf den Rahmen. Die EU nutzt dafür den Digital Services Act (DSA). Das ist eine EU-Verordnung aus 2022, diese Quelle ist von 2022 und damit älter als zwei Jahre. Der DSA legt Sorgfaltspflichten für Online-Dienste fest und setzt bei sehr großen Plattformen (VLOPs) zusätzliche Anforderungen an.

Für solche sehr großen Plattformen ist zentral: Sie sollen systemische Risiken ihres Dienstes identifizieren, bewerten und wirksam mindern. Das umfasst Risiken, die aus dem Design, aus Empfehlungsmechaniken und aus der Art entstehen können, wie Interaktionen verstärkt werden. Außerdem muss nachvollziehbar werden, welche Maßnahmen eine Plattform ergreift und ob sie funktionieren. Die EU-Kommission beschreibt dazu auch ein Durchsetzungsinstrumentarium: Sie kann Informationen anfordern, Verfahren eröffnen und bei Verstößen Sanktionen verhängen.

Was bei TikTok offiziell bestätigt ist, lässt sich in zwei Schritten erzählen. Erstens: Die Kommission eröffnete 2024 formelle DSA-Verfahren gegen TikTok. Zweitens: Am 2026-02-06 veröffentlichte die Kommission eine vorläufige Einschätzung, dass TikToks „addictive design“ gegen Pflichten des DSA verstoßen könnte. Das ist noch keine finale Entscheidung, aber es ist mehr als ein loses Signal: Es ist eine konkrete Verfahrensstufe mit benannten Designmerkmalen.

Und was kann im DSA-Rahmen real passieren? Offizielle EU-Informationen nennen als Obergrenze für Geldbußen bis zu 6 % des weltweiten Jahresumsatzes eines Anbieters. Zusätzlich sind laut EU-Seiten auch periodische Zwangsgelder möglich, wenn Auflagen nicht befolgt oder Informationen nicht fristgerecht geliefert werden. Für dich als Nutzer ist das deshalb relevant, weil es die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Änderungen nicht nur kosmetisch sind, sondern in Produktentscheidungen hineinreichen können.

Wichtig ist gleichzeitig die Grenze: Der DSA schreibt typischerweise nicht in jedem Detail vor, welcher Button genau wo erscheinen muss. Oft geht es um das Ergebnis (Risiken senken, Transparenz schaffen, Minderjährige besser schützen) und um nachweisbare Prozesse (Risikobewertung, Maßnahmen, Audit). Wie TikTok diese Ziele umsetzt, bleibt in Teilen offen, bis ein Verfahren abgeschlossen ist oder verbindliche Zusagen/Anordnungen vorliegen.

Welche Änderungen realistisch sind und was noch offen ist

Wenn die EU Mechaniken wie Endlos-Scrollen und Autoplay ins Visier nimmt, heißt das nicht automatisch „TikTok wird abgeschaltet“ oder „der Feed verschwindet“. Realistischer sind Änderungen, die zwei Ziele verbinden: mehr Kontrolle für dich und weniger Risiko für besonders verletzliche Gruppen, vor allem Minderjährige.

Realistisch sind zum Beispiel „Stoppscreens“ oder Unterbrechungen nach einer bestimmten Nutzungszeit: nicht als moralischer Zeigefinger, sondern als echte Entscheidungsschwelle. Auch klarere Opt-outs sind plausibel, etwa für bestimmte Personalisierungsformen oder für besonders häufige Rückhol-Benachrichtigungen. Ebenso denkbar ist, dass Schutz- und Zeitfunktionen nicht nur existieren, sondern so gestaltet werden müssen, dass sie nicht mit einem schnellen Tippen verpuffen. Genau dieser Punkt taucht in der vorläufigen EU-Bewertung als Kritikrichtung auf.

Ein weiteres Feld sind Empfehlungen selbst. Der DSA zielt nicht zwingend darauf, personalisierte Feeds zu verbieten. Aber er erhöht den Druck, Risiken aus Empfehlungssystemen zu bewerten und zu mindern. Praktisch könnte das bedeuten: deutlichere Hinweise, welche Faktoren Empfehlungen beeinflussen, oder leichter erreichbare Schalter, die Personalisierung reduzieren. Für Nutzer wäre das vor allem dann spürbar, wenn der Feed „breiter“ wird, weniger eng an deinem bisherigen Verhalten hängt oder öfter Alternativen anbietet.

Offen ist dagegen vieles, was in Social-Media-Debatten oft als „schon beschlossen“ herumgereicht wird: Der konkrete UI-Entwurf, ein verbindlicher Zeitplan und die Frage, ob Änderungen für alle Accounts gleich gelten oder stärker nach Altersgruppen differenziert werden. Ebenso offen bleibt, welche Messgrößen TikTok am Ende als Wirksamkeitsnachweis präsentieren muss und wie stark die EU dabei auf interne Daten, Audits oder externe Forschung setzt. Ohne finale Entscheidung oder verbindliche Zusagen ist das seriös nicht im Detail vorhersagbar.

Wie erkennst du trotzdem, dass es wirklich ernst wird? Achte weniger auf PR-Statements, sondern auf produktnahe Signale: ungewöhnlich klare neue Erklärdialoge zu Personalisierung, neu platzierte Opt-out-Schalter, sichtbare Pausenhinweise im Feed, geänderte Standardwerte bei Benachrichtigungen oder Screen-Time-Funktionen, die dich aktiv durch eine Entscheidung führen statt nur zu „erinnern“. Solche Änderungen kommen oft als Teil größerer App-Updates und werden in den Release-Notes nicht immer prominent erklärt. Wenn du im UI auf neue Wahlmöglichkeiten stößt, ist das ein stärkeres Indiz als jede Überschrift.

Was du in Deutschland schon heute tun kannst

Unabhängig davon, wie schnell EU-Verfahren wirken, kannst du deine TikTok-Nutzung sofort spürbar beeinflussen. Das Ziel ist nicht „alles löschen“, sondern Reibung dort einzubauen, wo das Design sie entfernt. Drei Hebel sind besonders wirkungsvoll: Unterbrechungen schaffen, Rückhol-Reize reduzieren und den Feed aktiv mitsteuern.

1) Unterbrechungen einbauen (Zeit und Fokus): Nutze die Bildschirmzeit-Funktionen deines Smartphones, nicht nur App-interne Hinweise. Systemweite Timer sind schwerer wegzuwischen, weil sie außerhalb der App liegen. Wenn du merkst, dass du vor allem abends hängen bleibst, setze ein festes Zeitfenster für Social-Apps oder aktiviere einen Schlafmodus, der Apps ausblendet. Das ist banal, aber zuverlässig: Es verändert die Umgebung, nicht nur den Willen.

2) Benachrichtigungen entschärfen (Rückhol-Impulse): Push-Benachrichtigungen sind für viele der wichtigste Trigger. Reduziere sie radikal: entweder komplett aus oder nur noch für das, was du wirklich brauchst. Wenn du sie nicht komplett deaktivieren willst, teste eine Zwischenstufe: keine Sperrbildschirm-Hinweise, keine Banner, nur noch stille Zustellung. So verschwindet der kleine „Zieh mich rein“-Moment aus dem Alltag.

3) Feed aktiv formen (Algorithmus-Training): Nutze Funktionen wie „Nicht interessiert“ konsequent, vor allem bei Inhalten, die dich zwar fesseln, dir aber nicht guttun. Speichere bewusst Inhalte, die du wirklich sehen willst, und interagiere weniger impulsiv. Jede Interaktion ist ein Signal. Wenn dein Feed sich in eine Richtung entwickelt, die du nicht magst, kann ein Reset der Empfehlungen (falls in den Einstellungen angeboten) helfen. Auch ohne Reset gilt: Je klarer deine Signale, desto weniger wirkt der Feed wie eine „Überraschungsmaschine“.

4) Für Eltern und Jugendliche: Wenn Kinder oder Jugendliche TikTok nutzen, lohnt ein doppelter Blick: Nicht nur auf „Nutzungsdauer“, sondern auf Situationen, in denen Konzentration wichtig ist (Hausaufgaben, Schlaf, Schule). Hier sind klare Regeln oft wirksamer als Diskussionen in der Situation. Und ja: Schutzfunktionen sind hilfreich, aber nur, wenn sie nicht dauerhaft übergangen werden. Wenn du merkst, dass Limits regelmäßig weggetippt werden, ist das ein Hinweis, dass du die Umgebung stärker gestalten musst (z. B. feste Handy-freie Zeiten oder systemweite Einschränkungen).

All das ist keine Technik-Esoterik, sondern ein Gegenentwurf zu genau den Mechaniken, die die EU als riskant beschreibt: Du schaffst Stopps, reduzierst Autopilot und senkst die Zahl der Momente, in denen die App dich „zurückruft“.

Fazit

Die EU richtet ihren Blick auf TikTok nicht, weil kurze Videos an sich problematisch wären, sondern weil bestimmte Designmechaniken in Summe Nutzungsdruck erzeugen können. Offiziell benannt sind dabei Endlos-Scrollen, Autoplay, Push-Benachrichtigungen und personalisierte Empfehlungssysteme. Bestätigt ist außerdem der regulatorische Kontext: formelle DSA-Verfahren seit 2024 und eine vorläufige EU-Einschätzung vom 2026-02-06, die „addictive design“ explizit adressiert. Offen bleibt, welche konkreten UI-Änderungen am Ende verbindlich werden und wie schnell sich das im Alltag auswirkt.

Für dich ist die pragmatische Linie klar: Warte nicht darauf, dass Regulierung dein Nutzungsverhalten rettet. Baue Stopps ein, nimm Push-Reize raus und steuere den Feed aktiv. Wenn später neue Opt-outs, Stoppscreens oder stärkere Schutzmechaniken auftauchen, erkennst du sie daran, dass sie echte Entscheidungen erzwingen und nicht nur freundlich erinnern. Genau das ist die Richtung, in die der DSA Druck auf sehr große Plattformen aufbauen kann.

Wie gehst du mit Endlos-Feeds um: harte Limits, bewusste Pausen oder komplette Push-Diät? Teile deine Strategien, damit andere davon profitieren.

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