TAB Mittelspannung: Was Netzbetreiber jetzt nachfordern

Die neuen und überarbeiteten TAB Mittelspannung orientieren sich am BDEW Musterwortlaut und werden von vielen Verteilnetzbetreibern konkretisiert. Für Betreiber von PV- und Speicherparks, Ladehubs oder Gewerbeanschlüssen heißt das: mehr Nachweise, klarere Schutzkonzepte und strengere Prüfabläufe. Dieser Praxis-Guide zeigt, welche Punkte Netzbetreiber heute besonders genau sehen wollen, wo Projekte typischerweise Zeit verlieren und welche Risiken bei der Inbetriebnahme entstehen. Ziel ist eine realistische Einschätzung deines Kostenrisikos beim Netzanschluss.

Einleitung

Du planst einen Mittelspannungsanschluss für einen PV-Park, einen Batteriespeicher oder einen größeren Ladehub. Die Technik steht, die Finanzierung auch. Und dann kommt die Rückmeldung des Verteilnetzbetreibers mit einer Liste zusätzlicher Anforderungen nach TAB Mittelspannung. Genau hier kippen Termine und Budgets.

Die Technischen Anschlussbedingungen sind kein neues Instrument. Neu ist, wie detailliert viele Netzbetreiber inzwischen auf den BDEW Musterwortlaut technische Anschlussbedingungen Mittelspannung Bezug nehmen und eigene Präzisierungen ergänzen. Was früher als allgemeiner Hinweis durchging, wird heute als prüffähiger Nachweis verlangt.

Dieser Artikel übersetzt typische Nachforderungen in konkrete Prüfpunkte. Zu jedem Punkt liest du, was der Netzbetreiber sehen will, wo der Zeit- oder Kostenhebel liegt und welches Risiko bei Nichtbeachtung entsteht. So kannst du früh klären, ob dein Projekt sauber aufgesetzt ist oder ob sich ein Kostenrisiko beim Netzanschluss abzeichnet.

Schutz- und Netzschutzkonzept

Erster Prüfstein ist fast immer das Schutzkonzept. Netzbetreiber verlangen heute ein abgestimmtes Gesamtkonzept mit Einstellwerten, Selektivitätsnachweis und klarer Zuordnung zwischen Anlagen- und Netzschutz. Ein einseitiges Blockschaltbild reicht selten aus.

Entscheidend ist, dass die Schutzfunktionen nachvollziehbar parametriert sind und mit dem Netzschutzkonzept des VNB zusammenpassen.

Typischer Kostenhebel ist die nachträgliche Anpassung von Schutzgeräten oder Relais, wenn Einstellwerte nicht akzeptiert werden. Das kann neue Berechnungen, zusätzliche Prüfungen oder sogar Hardwaretausch bedeuten. Zeitlich kritisch wird es, wenn der Netzbetreiber eine Wiederholungsprüfung vor Ort fordert.

Wird der Netzschutz nicht sauber umgesetzt, droht im Ernstfall eine ungewollte Inselbildung oder eine Abschaltung größerer Netzbereiche. In der Praxis führt das spätestens bei der Inbetriebnahme zu einer Verweigerung der Zuschaltung.

Typische Nachforderungen im Schutz- und Messbereich
Prüfpunkt Was gefordert wird Risiko bei Lücke
Selektivitätsnachweis Berechnung mit Einstellwerten aller Schutzstufen Verzögerte Freigabe oder Nachrüstung
Einstellprotokolle Dokumentierte Parametrierung vor Inbetriebnahme Keine Zuschaltung am Abnahmetag

Messkonzept, Fernwirktechnik und Parametrierung

Beim Messkonzept achten Netzbetreiber stärker auf Plausibilität und Bilanzgrenzen. Gefordert werden eindeutige Zählerplatzkonzepte, Messwandlerdaten und eine saubere Zuordnung bei Kombinationen aus Erzeugung, Speicher und Verbrauch.

Ein häufiger Stolperstein ist die Fernwirktechnik. Viele TAB Mittelspannung verlangen eine Anbindung an die Netzleitstelle mit definierten Datenpunkten. Wer erst spät merkt, dass zusätzliche Schnittstellen oder ein anderes Protokoll gefordert sind, muss umplanen. Das kostet Zeit, weil Hardware, Software und Tests neu abgestimmt werden.

Auch die Parametrierung von Wechselrichtern oder Speichersystemen rückt in den Fokus. Netzbetreiber fordern dokumentierte Einstellungen zu Blindleistungsbereitstellung, Wirkleistungsbegrenzung oder Frequenzverhalten. Fehlen diese Nachweise, wird die Anlage oft nur unter Vorbehalt oder gar nicht in Betrieb genommen.

Sicherheitsrelevant ist das, weil falsche Parameter das Netz bei Lastsprüngen zusätzlich belasten können. Für dich bedeutet das: Parametrierung nicht als letzte Aufgabe behandeln, sondern als festen Meilenstein im Projektplan.

Dokumentation, Prüf- und Inbetriebnahmeablauf

Viele Verzögerungen entstehen nicht durch Technik, sondern durch fehlende Unterlagen. Netzbetreiber verlangen vollständige Dokumentationspakete vor dem Inbetriebnahmetermin. Dazu gehören Schaltpläne im finalen Stand, Prüfprotokolle, Konformitätserklärungen und Ansprechpartnerlisten.

Wird der Prüf- und Inbetriebnahmeablauf nicht gemeinsam abgestimmt, entstehen Missverständnisse. Einige VNB bestehen auf einer Vorprüfung der Unterlagen mehrere Wochen vor dem geplanten Zuschalttermin. Wer diese Frist verpasst, rutscht automatisch in einen späteren Slot.

Kostenseitig wirkt hier vor allem die Projektverlängerung. Baustellen bleiben länger eingerichtet, Dienstleister müssen erneut anreisen, Finanzierungsmodelle verschieben sich. Diese indirekten Effekte sind oft teurer als eine zusätzliche Komponente.

Für die Betriebssicherheit ist eine saubere Dokumentation ebenfalls entscheidend. Im Störfall zählt, dass klar ist, welche Einstellungen gelten und wer verantwortlich ist. Fehlende oder widersprüchliche Unterlagen führen zu Unsicherheit und im Zweifel zu vorsichtiger Abschaltung.

Verantwortlichkeiten, Haftung und rote Flags

Ein unterschätzter Punkt in vielen TAB Mittelspannung sind klare Verantwortlichkeiten. Der Netzbetreiber will wissen, wer Anlagenverantwortlicher ist, wer Schaltberechtigung hat und wer im Störfall erreichbar ist. Unklare Zuständigkeiten führen zu Rückfragen und verzögern Freigaben.

Haftungsfragen werden ebenfalls präziser formuliert. Wenn Schutzfunktionen manipuliert oder Parameter ohne Abstimmung geändert werden, kann das den Netzanschluss gefährden. Deshalb verlangen einige VNB schriftliche Bestätigungen über die Unveränderbarkeit bestimmter Einstellungen.

Ob die verschärften Anforderungen bei deinem VNB gelten, erkennst du an konkreten Indikatoren im TAB-Dokument. Achte auf Versionsstände, Verweise auf den aktuellen BDEW Musterwortlaut und Anlagen mit detaillierten Datenpunktlisten. Frag aktiv nach, ob Übergangsregelungen bestehen und welche Nachweise vor der ersten Spannungsaufschaltung vollständig vorliegen müssen.

Typische rote Flags sind unvollständige Schutzberechnungen, fehlende Datenpunktlisten für die Fernwirktechnik, ungeklärte Eigentumsgrenzen an der Übergabestation und ein Inbetriebnahmetermin ohne vorherige Dokumentenfreigabe. Diese Punkte verzögern Projekte regelmäßig oder führen dazu, dass die Abnahme am geplanten Tag scheitert.

Fazit

Die TAB Mittelspannung sind kein formaler Anhang, sondern ein zentrales Steuerungsinstrument für deinen Netzanschluss. Wer Schutzkonzept, Messkonzept, Fernwirktechnik und Dokumentation früh mit dem VNB abstimmt, reduziert sein Kostenrisiko deutlich. Die meisten Verzögerungen entstehen dort, wo Anforderungen erst kurz vor der Inbetriebnahme konkret geprüft werden.

Behandle die TAB wie eine technische Spezifikation deines Projekts und nicht wie eine Formalität. Kläre offene Punkte schriftlich, halte Versionsstände fest und plane Zeit für Prüf- und Freigabeschleifen ein. So verhinderst du, dass aus einer scheinbar kleinen Nachforderung ein echter Projektstopp wird.

Wenn du gerade einen Mittelspannungsanschluss planst, prüfe deine Unterlagen gegen diese Punkte und tausche dich früh mit deinem Netzbetreiber aus.

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