Auf einen Blick
Stromspeicher könnten Wind- und Solarstrom günstiger nutzbar machen – aber große Projekte stehen und fallen mit Technik, Genehmigungen und Kosten. Uniper testet seit 2023 mit CMBlu eine organische Flow-Batterie (Flüssigkeiten statt Lithium-Zellen). Von 5 GWh ist öffentlich nur als Skalierungs-Option die Rede – kein sicherer Ausbau.
Das Wichtigste
- Uniper betreibt am Standort Staudinger (Hessen) seit 2023 ein Pilotprojekt mit CMBlu: 1 MW Leistung und 1 MWh Kapazität, ausgelegt als mehrjähriger Praxistest.
- Die Technologie ist eine organische Flow-Batterie: Energie steckt in zwei flüssigen Elektrolyten in Tanks, die durch einen Zellstapel gepumpt werden – ohne Lithium.
- Öffentlich genannt ist als mögliche nächste Stufe eine Anlage im bis zu 250-MWh-Bereich; Multi-GWh-Größen (z.B. 5 GWh) gelten bisher als theoretisch skalierbar, nicht als bestätigter Auftrag.
Einleitung
Wenn du dich fragst, warum Strom in Deutschland mal überraschend billig und mal schmerzhaft teuer ist, landest du schnell bei einem Thema: fehlende große Stromspeicher. Genau dort setzt Uniper an – mit einem Piloten für eine Batterie-Technologie, die nicht auf Lithium-Zellen basiert, sondern auf Flüssigkeiten. Spannend ist weniger das Buzzword, sondern die Frage: Könnte so etwas im großen Maßstab (5 GWh) das Netz stabilisieren und Preise glätten? Wichtig: Stand heute ist das eine Option unter Bedingungen, nicht die Ansage „wir bauen das fix“.
Was neu ist
Uniper testet am Kraftwerksstandort Staudinger gemeinsam mit dem Speicheranbieter CMBlu ein Großspeicher-Konzept, das CMBlu als „Organic SolidFlow“ beschreibt. Laut Uniper handelt es sich um ein Pilot-System mit 1 MW/1 MWh, das seit 2023 im Realbetrieb erprobt wird. In öffentlichen Darstellungen nennen die Partner als mögliche Skalierungsschritte Anlagen im mehrhundert-MWh-Bereich (bis zu 250 MWh).
Der Kern der Idee: Eine Flow-Batterie speichert Energie nicht in fest verbauten Akkuzellen, sondern in zwei getrennten Elektrolyten (Flüssigkeiten) in Tanks. Beim Laden und Entladen werden diese Flüssigkeiten durch einen Zellstapel gepumpt, wo die elektrische Energie über chemische Reaktionen aufgenommen oder abgegeben wird. Die versprochene Stärke: keine Lithium-Ionen-Zellen – und damit weniger Abhängigkeit von Lithium-Märkten.
Ein wichtiger Reality-Check: In den öffentlich zugänglichen Dokumenten finden sich keine belastbaren Angaben zu einem bereits unterschriebenen, kommerziellen 5-GWh-Bauauftrag. Multi-GWh werden als Skalierungs-Logik und Perspektive diskutiert – praktisch entscheidet erst der Pilot (plus Kosten- und Genehmigungs-Check), ob daraus ein großer Ausbau werden kann.
Was das für dich bedeutet
1) Was sind organische Flow-Batterien – ohne Chemie-Studium: Stell dir zwei große Tanks vor, die jeweils eine „Energiesuppe“ enthalten. Beim Laden wird die Suppe chemisch so verändert, dass sie später wieder Strom abgeben kann. Der „Motorraum“ ist der Zellstapel (ähnlich wie ein Filterpaket), in dem die Reaktion passiert. Mehr Tankvolumen = mehr gespeicherte Energie, mehr Zellfläche/Stacks = mehr Leistung.
2) Wofür stehen 5 GWh im Alltag? 5 GWh entsprechen 5.000 MWh bzw. 5.000.000 kWh. Praktischer gedacht: Ein Speicher dieser Größe könnte zum Beispiel 1 Gigawatt Leistung rund 5 Stunden liefern – also die Art „Puffer“, die man braucht, um eine längere Dunkelflaute-Spitze abzufedern oder mittags viel Solarstrom in den Abend zu schieben. Das ist nicht „Powerbank fürs Haus“, sondern Infrastruktur für Städte, Industrie und Netzknoten.
3) Warum das für deutsche Strompreise relevant sein kann (aber nicht automatisch wird): In Deutschland entstehen extreme Preissignale oft dann, wenn viel Wind/Solar da ist, aber wenig Speicher- oder Netzkapazität. Ein großer Stromspeicher kann in solchen Momenten Überschüsse aufnehmen und später abgeben – das kann Preisspitzen dämpfen. Aber: Ob das bei dir als Endkunde ankommt, hängt von Marktregeln, Netzentgelten, dem Ausbau der Netze und davon ab, ob Speicherbetreiber wirtschaftlich fahren können. Peer-reviewte Analysen zeigen zudem, dass organische Flow-Batterien heute ökonomisch noch nicht so eindeutig „billiger als alles andere“ sind – die Technik muss sich erst im großen Maßstab beweisen.
4) Vergleich zu Lithium-Ionen – knapp und ohne Fanboy-Talk:
Kosten & Reifegrad: Lithium-Ionen ist bei großen Speichern industriell etabliert und aktuell der Standard. Für organische Flow-Systeme gibt es vielversprechende Pilotprojekte, aber die Kosten und der Betrieb im Multi-MWh- bis GWh-Maßstab gelten in der Forschung als noch stark unsicher.
Rohstoffe: Flow-Ansätze können ohne Lithium auskommen und so die Abhängigkeit von Lithium-Lieferketten senken. Das ist für Europa strategisch attraktiv – gerade wenn viele Speicher parallel entstehen.
Brandschutz/Anlagen-Sicherheit: Anbieter von wässrigen/organischen Flow-Systemen betonen häufig eine geringere Brandlast als bei Lithium-Ionen. Trotzdem bleiben industrielle Themen wie Leckagen, Chemikalienhandling und Genehmigungen entscheidend.
Lebensdauer: Flow-Batterien gelten vom Prinzip her als gut skalierbar für viele Ladezyklen, weil Tanks und Reaktionszellen getrennt sind. In der Praxis hängt die Lebensdauer bei organischen Elektrolyten stark davon ab, wie stabil die Moleküle über Jahre bleiben – ein Punkt, den aktuelle Studien ausdrücklich als Kosten- und Risikohebel markieren.
5) Netzstabilität in Deutschland: der unterschätzte Nutzen: Große Speicher können nicht nur „billig kaufen, teuer verkaufen“, sondern auch Frequenz halten, Lastspitzen glätten und lokale Engpässe abfedern. Wenn solche Speicher nah an Netzknoten stehen, können sie helfen, Abregelung zu senken und Redispatch-Kosten zu drücken – aber nur, wenn Standort, Netzanbindung und Marktanreize zusammenpassen.
Wie es weitergeht
Die nächste realistische Messlatte liegt nicht bei „5 GWh“, sondern bei dem, was sich aus dem laufenden Pilotbetrieb belastbar ableiten lässt: Wirkungsgrad im Systembetrieb, Wartungsaufwand (Pumpen/Peripherie), Stabilität der Elektrolyte über Zeit und das Genehmigungs- und Sicherheitskonzept.
Wenn die Kennzahlen überzeugen, ist ein Schritt in den mehrhundert-MWh-Bereich (wie öffentlich diskutierte bis zu 250 MWh) der logische nächste Meilenstein. Erst danach wird ein Multi-GWh-Ausbau – egal ob 5 GWh oder mehr – in Deutschland plausibel, weil Finanzierung, Lieferketten, Flächenbedarf und Netzanschluss dann „echte“ Referenzdaten haben.
Für dich als Verbraucher heißt das: Erwarte keine kurzfristige Preisrevolution durch diese eine Technologie. Aber behalte die Pilotergebnisse im Blick – sie entscheiden, ob Deutschland mittelfristig eine zusätzliche, nicht-lithiumbasierte Speicheroption bekommt, die den Ausbau von Wind und Solar robuster macht.
Fazit
Uniper setzt mit dem Staudinger-Pilot auf einen spannenden Ansatz: Stromspeicher als Flüssig-System statt Lithium-Zellpark. Der Charme liegt in potenziell entspannter Rohstofflage und einem anderen Sicherheitsprofil. Der Haken: Ein 5-GWh-Ausbau ist Stand heute nicht bestätigt – und Forschung wie Industrie zeigen, dass organische Flow-Batterien bei Kosten, Langzeitstabilität und System-Engineering erst noch liefern müssen. Wenn das gelingt, wäre es eine echte Ergänzung für Deutschlands Energiewende – nicht als Wunderwaffe, aber als solides Werkzeug für Netzstabilität und mehr nutzbaren Ökostrom.





