Freitag, 24. April 2026

Wirtschaft

Strompreis und Gas: Was langfristige EE-Verträge wirklich leisten

Warum bleiben Strompreis und Gaspreis in Europa so oft gekoppelt, obwohl Wind- und Solarstrom deutlich günstiger erzeugt werden können? Dieser Bericht erklärt den Mechanismus hinter…

Von Wolfgang

21. Apr. 20267 Min. Lesezeit

Strompreis und Gas: Was langfristige EE-Verträge wirklich leisten

Warum bleiben Strompreis und Gaspreis in Europa so oft gekoppelt, obwohl Wind- und Solarstrom deutlich günstiger erzeugt werden können? Dieser Bericht erklärt den Mechanismus hinter der Preisbildung, ordnet langfristige Festpreisverträge für erneuerbaren Strom ein…

Warum bleiben Strompreis und Gaspreis in Europa so oft gekoppelt, obwohl Wind- und Solarstrom deutlich günstiger erzeugt werden können? Dieser Bericht erklärt den Mechanismus hinter der Preisbildung, ordnet langfristige Festpreisverträge für erneuerbaren Strom ein und zeigt, was Modelle wie CfD und PPA tatsächlich leisten. Praktisch relevant ist das für Versorger, Industrie, Projektierer und Politik: Solche Verträge können Erlöse absichern und Teile des Marktes gegen Gaspreisschocks abfedern. Sie lösen das Grundproblem aber nur dann teilweise, wenn zugleich genug Flexibilität, Netze und Reservekapazität vorhanden sind.

Das Wichtigste in Kürze

  • Gas bestimmt den Strompreis oft nicht deshalb, weil es den meisten Strom liefert, sondern weil Gaskraftwerke in vielen Stunden das letzte noch benötigte flexible Kraftwerk sind und damit den Marktpreis setzen.
  • Langfristverträge für Erneuerbare stabilisieren Einnahmen und können die direkte Weitergabe extremer Gaspreise an den vertraglich abgesicherten Stromanteil dämpfen, sie ersetzen aber nicht die Preisbildung am Spotmarkt.
  • Ohne Speicher, flexible Nachfrage, Netzausbau und verlässliche Knappheitssignale bleibt die Entkopplung begrenzt: Bei Überangebot drohen negative Preise, bei Knappheit setzen weiter flexible Kraftwerke die teuren Stundenpreise.

Warum die Debatte um feste EE-Preise über Großbritannien hinaus wichtig ist

Die eigentliche Streitfrage lautet nicht, ob erneuerbare Energien billig Strom erzeugen können. Das tun sie in vielen Stunden längst. Die zentrale Frage ist, warum der Großhandelsstrompreis trotzdem häufig am Gas hängt. Genau daraus entsteht die politische Attraktivität langfristiger Festpreisverträge für erneuerbaren Strom: Wenn Wind- und Solarparks ihre Erlöse über Jahre absichern, soll ein größerer Teil des Systems weniger direkt auf Gasschocks reagieren.

Großbritannien diskutiert diesen Hebel seit Längerem im Rahmen seiner Strommarktreform. Für Europa ist das mehr als eine nationale Detailfrage. Es geht um Investitionskosten neuer Anlagen, um Beschaffung für energieintensive Industrie, um Risiken für Versorger und um die Frage, wie ein Strommarkt mit viel Wind und Solar funktionieren soll, wenn ausgerechnet flexible Gaskraftwerke in kritischen Stunden weiter den Preisanker bilden.

Der Mechanismus heißt Merit-Order, nicht Gasdominanz

Am europäischen Großhandelsmarkt wird Strom in der Regel nach Grenzkosten sortiert angeboten. Dieses Prinzip heißt Merit-Order. Kraftwerke mit niedrigen kurzfristigen Kosten, etwa Wind- und Solaranlagen, kommen zuerst zum Zug. Der Preis einer Stunde richtet sich aber nach dem teuersten Kraftwerk, das noch benötigt wird, um die Nachfrage zu decken. In vielen Stunden ist das ein Gaskraftwerk. Darum kann Gas den Strompreis prägen, obwohl sein Anteil an der Stromerzeugung deutlich kleiner sein kann als der von Wind, Solar oder Kernenergie.

Das erklärt den scheinbaren Widerspruch: Günstige erneuerbare Erzeugung drückt zwar das allgemeine Preisniveau, sie bestimmt den Endpreis einer Stunde aber nur dann, wenn genug davon verfügbar ist und keine teurere flexible Erzeugung mehr gebraucht wird. Sobald Lastspitzen, Flauten oder Netzengpässe auftreten, werden flexible Anlagen wertvoll. Gas ist dafür bis heute in vielen Märkten zentral, weil Gaskraftwerke schnell regelbar sind. Genau deshalb springt die Kopplung von Strompreis und Gaspreis in angespannten Stunden immer wieder an.

Was langfristige Verträge mit erneuerbarem Strom tatsächlich ändern

Hier kommen Langfristverträge ins Spiel. Zwei Modelle sind besonders wichtig. Erstens Contracts for Difference, kurz CfD: Dabei erhält ein Projekt einen vertraglich festgelegten Referenz- oder Ausübungspreis. Liegt der Marktpreis darunter, wird aufgefüllt; liegt er darüber, fließen Überschüsse zurück. Zweitens Power Purchase Agreements, kurz PPA: Das sind bilaterale Stromabnahmeverträge zwischen Erzeugern und Abnehmern, oft über viele Jahre und häufig mit festen oder teilweise abgesicherten Preisen.

Beide Modelle verändern vor allem die Risikoverteilung. Für Projektierer sinkt das Erlösrisiko, was die Finanzierung erleichtern und die Kapitalkosten senken kann. Für Abnehmer, etwa Industrieunternehmen oder Versorger, werden Teile der Beschaffung planbarer. Was solche Verträge nicht automatisch tun: Sie schaffen die Merit-Order nicht ab. Der Stundenpreis am Spotmarkt entsteht weiterhin dort, wo Angebot und Nachfrage zusammenfinden. CfD und PPA können also Einnahmen stabilisieren und extreme Marktphasen teilweise abfedern, aber sie ersetzen den Preismechanismus im laufenden System nicht.

In der britischen Strommarktreform ist genau das der entscheidende Punkt. Offizielle Reformdokumente bevorzugen bislang keine radikale Aufspaltung des Marktes, sondern eher eine Weiterentwicklung des bestehenden CfD-Ansatzes. Das ist aufschlussreich: Die Politik traut Langfristverträgen durchaus zu, Investitionen zu stützen und Verbraucher vor einem Teil inframarginaler Zufallsgewinne zu schützen. Sie betrachtet sie aber nicht als einfache Abkürzung zu einem vollständig vom Gas gelösten Strompreis.

Wann feste EE-Verträge Preise und Risiken wirklich dämpfen

Eine spürbare Entlastung entsteht vor allem dann, wenn ein großer Anteil neuer erneuerbarer Erzeugung über solche Verträge abgesichert wird und die Rückflüsse oder günstigen Lieferpreise tatsächlich bei Versorgern, staatlichen Ausgleichsmechanismen oder industriellen Abnehmern ankommen. Dann sinkt die direkte Exponierung dieses Stromanteils gegenüber extremen Gaspreissprüngen. Für Investoren ist das attraktiv, weil kalkulierbare Erlöse den Bau neuer Anlagen erleichtern können.

Die Grenze verläuft dort, wo der Markt knapp wird. Wenn in windarmen oder sonnenarmen Stunden zusätzliche flexible Leistung gebraucht wird, setzen weiterhin die noch nötigen Kraftwerke den Preis. Das können Gaskraftwerke sein, künftig teilweise auch Speicher oder andere flexible Optionen. Langfristverträge senken also nicht automatisch die teuren Knappheitsstunden. Sie verteilen deren Folgen anders. Für Endkunden heißt das: Eine allgemeine, dauerhafte Senkung des Strompreises lässt sich aus Festpreisverträgen allein nicht seriös ableiten. Möglich sind eher geringere Volatilität, bessere Planbarkeit und weniger direkte Gaspreis-Durchschläge für jene Mengen, die tatsächlich unter Vertrag stehen.

Für die Industrie ist der Nutzen trotzdem erheblich. Ein langfristiger PPA kann Beschaffungskosten planbarer machen und neue Projekte für erneuerbare Energien finanzierbar machen. Für Versorger sind solche Verträge ein Absicherungsinstrument. Für Staaten und Regulierer sind sie ein Mittel, Investitionen in neue Kapazitäten zu beschleunigen, ohne den Spotmarkt vollständig zu ersetzen.

Warum ohne Flexibilität selbst gute Vertragsmodelle an Grenzen stoßen

Je höher der Anteil von Wind- und Solarstrom, desto wichtiger werden Speicher, steuerbare Nachfrage, Netze und andere flexible Ressourcen. Sonst entsteht ein doppeltes Problem: In Stunden mit sehr hoher Einspeisung häufen sich Null- und Negativpreise, in Stunden mit Knappheit bleiben die Spitzenpreise hoch. Empirische Auswertungen für Europa zeigen genau diese Tendenz. Der Ausbau günstiger Erneuerbarer allein löst sie nicht, wenn das System Überschüsse nicht aufnehmen und Defizite nicht günstig ausgleichen kann.

Das hat direkte Folgen für das Vertragsdesign. Wenn immer mehr erneuerbare Projekte über staatlich gestützte CfD oder sehr starre Festpreise laufen, müssen die Anreize für Flexibilität an anderer Stelle sauber gesetzt werden. Sonst investieren Marktteilnehmer zu wenig in Speicher, Lastverschiebung oder Reservekapazitäten. Hinzu kommen fiskalische und wettbewerbliche Fragen: Je stärker Staaten Preisrisiken übernehmen, desto größer werden mögliche Haushaltslasten und desto wichtiger wird ein marktneutrales Design. Für Europa kommt noch ein weiterer Zielkonflikt hinzu: Nationale Sonderwege können die Integration des Strommarkts erschweren, obwohl grenzüberschreitender Handel gerade in Knappheitslagen wichtig ist.

Entkopplung vom Gas gelingt nur teilweise und nur im Gesamtsystem

Langfristige EE-Verträge sind ein nützliches Werkzeug, aber kein Wundermittel. Sie können Investitionen in Wind- und Solarparks erleichtern, Einnahmen stabilisieren und die direkte Abhängigkeit eines wachsenden Stromanteils von Gaspreissprüngen verringern. Der eigentliche Strommarkt bleibt jedoch so lange in kritischen Stunden an flexiblen Grenzkosten orientiert, wie Knappheit durch regelbare Kraftwerke, Speicher oder Nachfrageflexibilität aufgelöst werden muss. Wer die Kopplung von Strompreis und Gaspreis nachhaltig schwächen will, braucht deshalb beides: mehr abgesicherte erneuerbare Erzeugung und ein Marktsystem, das Flexibilität, Netze und Reserveleistung zuverlässig honoriert.

Für Politik und Marktteilnehmer zählt deshalb weniger die Formel vom festen Preis als die Frage, welche Risiken ein Vertrag verschiebt und welche das Stromsystem weiter selbst tragen muss.