Satelliteninternet wird oft erst dann wichtig, wenn am Boden etwas schiefläuft: ein großflächiger Stromausfall, beschädigte Glasfasertrassen oder überlastete Mobilfunknetze. Genau deshalb plant Europa mit IRIS² (Infrastructure for Resilience, Interconnectivity and Security by Satellite) ein eigenes, sicheres Satellitennetz für staatliche Kommunikation und ausgewählte kommerzielle Dienste. Der Ansatz kombiniert mehrere Umlaufbahnen und setzt auf strenge Sicherheitsvorgaben. Ziel ist, kritische Verbindungen auch dann stabil zu halten, wenn terrestrische Netze ausfallen oder angegriffen werden.
Einleitung
Wenn du unterwegs keine Verbindung bekommst, ist das meistens nur lästig. In Krisenlagen kann fehlende Kommunikation aber schnell zum echten Problem werden: Einsatzkräfte brauchen Koordination, Behörden müssen Lagebilder teilen, und Warnungen sollen zuverlässig ankommen. Genau hier wird klar, wie abhängig Europa von Netzen ist, die am Boden stehen und damit anfällig sind – für technische Ausfälle ebenso wie für gezielte Störungen.
Europa reagiert darauf mit einem strategischen Projekt: IRIS², ein sicheres Satellitenkommunikationssystem der EU. Die Kommission beschreibt IRIS² als mehrbahniges (LEO und MEO) System, das staatliche Nutzerinnen und Nutzer mit besonders geschützten Verbindungen versorgen soll und daneben auch kommerzielle Anwendungen ermöglicht. Aus öffentlicher Berichterstattung geht außerdem hervor, dass die Umsetzung über ein Konzessionsmodell mit einem Industriekonsortium organisiert wird.
In diesem Artikel bekommst du eine verständliche Einordnung: Welche Bausteine die EU plant, welche Zeitleiste öffentlich genannt wird und warum „eigene“ Infrastruktur nicht nur Technik, sondern auch Governance und Sicherheit meint. Außerdem klären wir, wie Satelliteninternet technisch funktioniert und warum sich LEO, MEO und GEO in Latenz und Betrieb so stark unterscheiden.
IRIS² und GOVSATCOM: Was Europa konkret vorhat
IRIS² ist die Kurzbezeichnung für das EU-Programm „Union Secure Connectivity“ und steht für eine Infrastruktur, die Resilienz, Interkonnektivität und Sicherheit über Satelliten liefern soll. Laut Programm- und Presseinformationen der Europäischen Kommission handelt es sich um einen multi-orbitalen Ansatz, der niedrige und mittlere Erdumlaufbahnen kombiniert. Öffentlich genannt wird eine Größenordnung von rund 290 Satelliten sowie ein Gesamtbudget von etwa 10,6 Mrd. € mit einem öffentlichen Anteil von rund 6,5 Mrd. € (diese Zahlen werden in der Berichterstattung und von der Kommission im Programmkontext aufgegriffen).
Ein wesentlicher Punkt ist die Zeitleiste. Offizielle Angaben verweisen darauf, dass ab 2025 zunächst Kapazitäten über GOVSATCOM „gepoolt“ werden sollen, bevor das neue System schrittweise aufgebaut wird. Für den Aufbau werden in öffentlichen Darstellungen Ziele wie erste Starts ab Mitte 2029 und ein vollständiger, EU-eigener Betrieb für staatliche Dienste bis Ende 2030 genannt. Wichtig ist dabei: Es geht nicht nur um „Breitband“, sondern um verlässliche, priorisierbare Verbindungen für staatliche und sicherheitsrelevante Anwendungen.
Resiliente Kommunikation bedeutet, dass wichtige Verbindungen auch dann funktionieren, wenn Bodeninfrastruktur ausfällt.
Dass IRIS² nicht einfach ein europäisches „Klonprojekt“ kommerzieller Mega-Konstellationen ist, zeigt der Blick in Ausschreibungs- und Spezifikationsdokumente: Dort werden konkrete Sicherheitsanforderungen genannt, unter anderem zur Behandlung von EU-klassifizierten Informationen (EUCI) bis zur Einstufung RESTREINT UE/EU RESTRICTED und zur Nutzung freigegebener kryptografischer Produkte für den elektronischen Austausch. Außerdem tauchen Integrationsanforderungen auf, etwa Bezüge zu Galileo (OSNMA) und zu Demonstratoren für Warn- und Nachrichtendienste (EWSS/CAMF) – Hinweise darauf, dass das System mit bestehenden europäischen Diensten verzahnt werden soll.
| Merkmal | Beschreibung | Wert |
|---|---|---|
| Konstellationsgröße | Multi-orbitales System, öffentlich als Größenordnung genannt | ca. 290 Satelliten |
| Programmvolumen | In Berichten genannter Gesamtumfang der Finanzierung | ca. 10,6 Mrd. € |
| Öffentlicher Beitrag | In Berichten genannter öffentlicher Anteil | ca. 6,5 Mrd. € |
| Interimsphase | Übergang über gepoolte Kapazitäten (GOVSATCOM) | ab 2025 |
| Ziel für volle staatliche Dienste | Öffentlich kommuniziertes Zieljahr für EU-eigene GOV-Services | bis Ende 2030 |
Satelliteninternet verstehen: Wie funktioniert Internet per Satellit?
Damit klar wird, warum Europa überhaupt eine eigene Infrastruktur aufbaut, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Technik. Satelliteninternet verbindet dich nicht „magisch“ direkt mit dem gesamten Netz, sondern über mehrere Stationen: Dein Endgerät (oder ein Router) spricht mit einer Satellitenantenne, diese funkt zu einem Satelliten, und der Satellit leitet Daten weiter – entweder zu einer Bodenstation (Gateway) oder über Verbindungen zwischen Satelliten (Inter-Satellite Links). Erst an einem Übergabepunkt gelangt der Verkehr in klassische Internetknoten und Rechenzentren.
Entscheidend ist die Umlaufbahn. Die ESA beschreibt, dass Satelliten sich je nach Orbit in Höhe, Bewegungsdynamik und Abdeckung stark unterscheiden. Für Internetzugänge ist das besonders wichtig, weil die Entfernung die Signallaufzeit prägt. Eine große empirische Messstudie zu LEO-Satelliteninternet (Starlink) zeigt: LEO hat physikalisch einen Latenzvorteil, aber in der Praxis hängt die Verzögerung stark davon ab, über welche Gateways und welche Routing-Wege dein Verkehr in das Internet gelangt. Die Studie beschreibt außerdem, dass es zu anhaltenden Latenzspitzen kommen kann, wenn der Verkehr über ungünstige Pfade oder über Satelliten-zu-Satelliten-Routing umgeleitet wird.
Für Krisenkommunikation ist genau diese Realität wichtig: Nicht nur die „Höhe“ entscheidet, sondern das gesamte System aus Raumsegment, Bodenstationen, Backhaul und Netzbetrieb. Wer die Bodeninfrastruktur kontrolliert, kontrolliert oft auch die Priorisierung, die Ausfallsicherheit und die Möglichkeiten, im Notfall schnell umzuschalten.
Auch Protokolle spielen eine Rolle. Eine NASA-Veröffentlichung zu IP-Kommunikation über LEO (Quelle von 2004 und damit älter als zwei Jahre) erläutert, dass klassische Internetprotokolle auf Links mit höheren Verzögerungen, schwankender Qualität und Unterbrechungen empfindlich reagieren können. Für staatliche Anwendungen ist das nicht nur ein Performance-Thema, sondern auch ein Sicherheits- und Betriebsproblem: Man braucht verlässliche Verfahren für Verschlüsselung, Authentifizierung, Prioritäten und klare Betriebsregeln, die auch unter Stress funktionieren.
Digitale Souveränität in der Praxis: Sicherheit, Kontrolle, Abhängigkeiten
„Digitale Souveränität“ klingt abstrakt, wird aber im Alltag schnell konkret. Es geht darum, ob Europa in kritischen Situationen Kommunikationsdienste bereitstellen kann, ohne von Entscheidungen, Exportregeln oder Prioritäten anderer Akteure abhängig zu sein. Ein eigenes Satellitensystem ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein Baustein, um staatliche Kommunikation planbar abzusichern: mit definierten Serviceklassen, festgelegten Sicherheitsniveaus und einem Betrieb, der zu europäischen Vorgaben passt.
In EU-Dokumenten und zugehörigen Ausschreibungen wird sichtbar, dass die Sicherheitslogik nicht „on top“ kommt, sondern die Architektur beeinflusst. Beispielsweise nennen Spezifikationen Anforderungen an den Umgang mit EU-klassifizierten Informationen (EUCI) bis RESTREINT UE/EU RESTRICTED. Für den elektronischen Austausch werden kryptografische Verfahren gefordert, die von zuständigen EU-Gremien zugelassen sind. Das hat praktische Folgen: Hardware, Software, Prozesse und Personal müssen so organisiert werden, dass sie diese Regeln einhalten. Gleichzeitig schränkt das ein, welche Zulieferer in welchem Umfang beteiligt werden können und wie Subunternehmerketten gestaltet sind.
Auch die Governance zählt. Reuters berichtet im Zusammenhang mit IRIS² über eine Konzession und nennt wirtschaftliche Eckpunkte. Ein Konzessionsmodell kann Vorteile bringen: Die öffentliche Hand setzt Anforderungen und behält Steuerungsrechte, während Industriepartner Umsetzungskapazität und Betriebserfahrung einbringen. Es bleibt aber eine Balance: Je mehr die Infrastruktur auf private Betreiber und lange Lieferketten angewiesen ist, desto wichtiger werden Audits, klare Verantwortlichkeiten und belastbare Ausstiegs- und Updatepfade.
Technisch geht es außerdem um Interoperabilität. In den Spezifikationen tauchen Verweise auf Galileo-Funktionen wie OSNMA (Authentifizierung von Navigationsnachrichten) und auf Demonstrationsanforderungen rund um Warnmeldungen (EWSS/CAMF) auf. Selbst wenn solche Dienste nicht identisch mit „Internet“ sind, zeigen sie das Zielbild: sichere, überprüfbare Information, die auch dann verfügbar bleibt, wenn klassische Mobilfunkkanäle oder einzelne Plattformen nicht zuverlässig sind. Damit wird Satelliteninternet im europäischen Kontext Teil einer größeren Resilienzarchitektur – zusammen mit terrestrischen Netzen, Notfallwarnsystemen und Cloud-/Rechenzentrumsstrategien.
Was bis 2030 realistisch ist und wo die Risiken liegen
Öffentlich kommunizierte Zielmarken – Interimsleistungen ab 2025, erste Starts ab Mitte 2029, vollständige staatliche Dienste bis Ende 2030 – zeigen den politischen Anspruch von IRIS². Gleichzeitig steckt in diesen Daten auch ein Hinweis: Der Aufbau einer neuen, multi-orbitalen Infrastruktur ist ein mehrjähriges Großprojekt, bei dem Technik, Industriepolitik und Sicherheitsanforderungen gleichzeitig passen müssen.
Ein realistischer Blick beginnt bei der Systemkomplexität. Multi-orbital bedeutet: unterschiedliche Höhen, unterschiedliche Bewegungsprofile, unterschiedliche Bodenstation- und Terminalstrategien. Das kann Resilienz erhöhen (weil Ausfälle in einer Ebene nicht automatisch alles stoppen), macht aber Betrieb, Übergaben und Kapazitätsplanung deutlich anspruchsvoller. Die Messstudie zu LEO-Satelliteninternet zeigt zudem, dass die Latenz nicht nur durch den Orbit bestimmt wird, sondern stark durch Gateways, Netzpfade und Routing-Entscheidungen. Für IRIS² heißt das: Eine gute Konstellation allein reicht nicht; die Bodeninfrastruktur und die Netzanbindung an europäische Knoten werden mit darüber entscheiden, ob versprochene Dienstgüte im Alltag und in Krisen wirklich erreicht wird.
Ein zweiter Risikobereich ist Sicherheit als Betriebsaufgabe. Anforderungen rund um EUCI und zugelassene Kryptografie sind wichtig, aber sie erhöhen auch die Hürden: Zertifizierungen dauern, Änderungen werden langsamer, und Notfallprozesse müssen sehr sauber geplant sein. Das ist gerade im Krisenmodus anspruchsvoll, weil du schnelle Reaktionen willst, ohne Sicherheitsregeln zu brechen. Dazu kommt die Frage der Lieferketten: Je mehr Komponenten verteilt eingekauft werden, desto wichtiger sind kontrollierte Updates, nachvollziehbare Softwareherkunft und belastbare Incident-Response-Prozesse.
Der dritte Punkt ist der Markt- und Erwartungsdruck. Kommerzielle Systeme sind oft schneller, weil sie weniger staatliche Auflagen erfüllen müssen. IRIS² wird sich deshalb nicht primär über „billiger“ oder „mehr Satelliten“ definieren, sondern über garantierte Verfügbarkeit, priorisierte Nutzung und rechtlich-organisatorische Kontrolle. Wenn Europa diesen Fokus hält, kann das Projekt bis 2030 eine echte Lücke schließen: als strategisches Rückgrat für Behördenkommunikation und als Ergänzung, nicht als Ersatz, für terrestrische Netze.
Fazit
Satelliteninternet ist für viele Menschen zuerst ein Zugang für abgelegene Regionen. In Europas IRIS²-Planung steht jedoch ein anderes Motiv im Vordergrund: Kommunikation muss auch in Ausnahmesituationen stabil, priorisierbar und sicher bleiben. Öffentlich verfügbare Informationen zeigen eine klare Stoßrichtung: multi-orbitaler Aufbau, Interimsleistungen über GOVSATCOM ab 2025 und ein Zielhorizont bis Ende 2030. Gleichzeitig machen Ausschreibungen deutlich, dass Sicherheit und Governance nicht nachträglich „draufgesetzt“ werden, sondern die Architektur prägen – von Kryptovorgaben bis zu Integrationspunkten mit europäischen Diensten wie Galileo.
Für dich als Nutzerin oder Nutzer ist die wichtigste Erkenntnis: Die Versprechen von niedriger Latenz und hoher Verfügbarkeit hängen nicht nur vom Orbit ab, sondern vom Gesamtsystem aus Satelliten, Bodenstationen, Netzbetrieb und politisch-organisatorischer Kontrolle. Genau darum dreht sich digitale Souveränität in der Praxis: nicht um Symbolik, sondern um belastbare Kommunikationswege, die in Krisen nicht zur Verhandlungsmasse werden.






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