Photovoltaik: Warum Solar ohne Speicher öfter weniger einbringt

Viele PV-Besitzer merken: Mittags produziert die Anlage am meisten, aber genau dann ist Strom im Netz oft am wenigsten gefragt. Diese Entwicklung kann dazu führen, dass eine PV-Anlage ohne Speicher wirtschaftlich weniger attraktiv wirkt als noch vor wenigen Jahren. Der Grund sind immer häufigere Niedrig- und Negativpreise an der Strombörse, mehr Eingriffe ins Einspeisemanagement und eine Vergütung, die zwar gesetzlich geregelt ist, aber im Verhältnis zu flexiblem Eigenverbrauch an Reiz verliert. Dieser Artikel erklärt alltagsnah, was dahintersteckt und welche Speicher- und Flex-Optionen für deutsche Haushalte realistisch sind.

Einleitung

Du hast (oder planst) eine PV-Anlage und willst vor allem eines: dass sich die Investition planbar rechnet. Doch im Alltag stößt man schnell auf ein Paradox: Der Solarstrom fällt häufig genau dann an, wenn du ihn zu Hause am wenigsten brauchst. Gleichzeitig zeigen die Großhandelsmärkte in Deutschland immer öfter Stunden mit sehr niedrigen, teils sogar negativen Preisen. Für Haushalte wirkt das erst einmal weit weg, ist aber ein Signal: Viel Solar zur Mittagszeit drückt den Marktwert von Strom in diesen Stunden.

Hinzu kommen Regeln, die netzdienliches Verhalten einfordern. Im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) sind technische Vorgaben verankert, die Abregelung und Fernsteuerbarkeit betreffen. Damit wird „einfach einspeisen“ weniger selbstverständlich, besonders dann, wenn das Netz vor Ort ohnehin an Grenzen kommt.

Die gute Nachricht: Du bist dem nicht ausgeliefert. Mit Speicher, smarter Steuerung, dynamischen Tarifen und flexiblen Verbrauchern (E-Auto, Wärmepumpe) kannst du deinen Solarstrom häufiger selbst nutzen oder gezielter verschieben. In diesem Artikel bekommst du ein klares, deutsches Praxisbild: Was passiert im Netz, welche Regeln sind relevant, und wann kann Flexibilität (statt immer mehr Module) den Unterschied machen?

PV-Anlage ohne Speicher: Warum Einspeisung an Wert verliert

Der entscheidende Trend lässt sich einfach erklären: Je mehr Photovoltaik installiert ist, desto häufiger entsteht zur Mittagszeit ein Überschuss an Erzeugung. Wenn dann gleichzeitig die Nachfrage niedrig ist (z. B. an Wochenenden oder in Ferienzeiten), sinken Großhandelspreise. Die Datenlage dazu ist in Deutschland gut: Über SMARD, die Datenplattform der Bundesnetzagentur, lassen sich Erzeugung und Preise nachvollziehen. Zusätzlich berichten Fachmedien regelmäßig über Phasen mit vielen negativen Preissignalen, etwa für einzelne Monate.

Für deinen Haushalt bedeutet das nicht automatisch, dass deine gesetzliche Einspeisevergütung sofort „negativ“ wird. Aber es verschiebt die Logik: Der ökonomische Vorteil entsteht immer weniger durch das Einspeisen, sondern immer mehr durch das Vermeiden von Strombezug aus dem Netz und durch Flexibilität.

„Netzbetreiber oder andere Berechtigte [müssen] jederzeit die Ist‑Einspeisung abrufen und die Einspeiseleistung … ferngesteuert regeln können.“

Dieser Satz aus den technischen Vorgaben des EEG (§ 9) macht den Rahmen deutlich: Einspeisung ist kein reiner „Best-effort“-Vorgang, sondern kann technisch begrenzt werden. Je nach Anlagengröße und Ausgestaltung gelten unterschiedliche Pflichten und Grenzen. In der Praxis ist das besonders relevant, wenn viele Anlagen gleichzeitig hohe Leistung bringen und lokale Netze entlastet werden müssen.

Wichtige Signale für den Wert von Solarstrom im deutschen Kontext
Merkmal Beschreibung Wert
Negativpreis-Stunden (Deutschland) Bundesnetzagentur berichtet eine Zunahme negativer Preisstunden im Jahr 2024 gegenüber 2023. 457 h (2024) vs. 301 h (2023)
Beispiel Monat mit vielen Negativpreisen Fachbericht zu einem einzelnen Monat mit auffällig vielen negativen Day-Ahead-Stunden. 130 h in Mai 2025
Einspeisevergütung (Orientierung) Verbraucherinfos zitieren die von der Bundesnetzagentur veröffentlichten „anzulegenden Werte“ (EEG) für 2026 in typischen Größenordnungen. rund 7,7–7,9 ct/kWh bzw. etwa 12,3 ct/kWh (je nach Fall)
EEG § 9 (Begrenzung/Steuerung) Technische Vorgaben, u. a. Abruf der Ist-Einspeisung und Fernregelbarkeit; für bestimmte Konstellationen sind Begrenzungen vorgesehen. z. B. 60 % Begrenzung in bestimmten Fällen

Was Negativpreise im Alltag wirklich bedeuten

Negativpreise klingen wie ein Kuriosum, sind aber eine nachvollziehbare Marktreaktion. Am Day-Ahead- oder Intraday-Markt kann Strom zeitweise unter 0 fallen, wenn sehr viel Erzeugung auf sehr wenig Nachfrage trifft und ein Teil der Kraftwerke oder Erzeuger nicht beliebig schnell herunterfahren kann. Für Deutschland wird das Thema seit 2024 sichtbarer: Die Bundesnetzagentur nennt für 2024 eine höhere Zahl negativer Preisstunden als für 2023. Solche Stunden liegen häufig in Zeitfenstern, in denen Photovoltaik besonders stark einspeist.

Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Marktwert und Vergütung. Als Haushaltsbetreiber mit EEG-Vergütung erhältst du eine gesetzlich definierte Vergütung pro eingespeister Kilowattstunde. Diese Werte veröffentlicht die Bundesnetzagentur in Tabellen („anzulegende Werte“). In Verbraucherübersichten werden für Zeiträume um 2026 Größenordnungen genannt, die im einstelligen Cent-Bereich pro kWh liegen (je nach Konstellation und Anlagensegment). Das ist planbar, aber es steht in Konkurrenz zu etwas, das du selbst beeinflussen kannst: Eigenverbrauch.

Ein kleines Rechenbild hilft, ohne so zu tun, als gäbe es eine Einheitsanlage. Nimm an, du speist in einem Jahr 1.000 kWh ein. Bei einer Vergütung in der Größenordnung von rund 7,7–7,9 ct/kWh entspricht das grob 77–79 Euro. Bei einer Vergütung um etwa 12,3 ct/kWh wären es grob 123 Euro. Das ist kein Urteil über „lohnt sich“ oder „lohnt sich nicht“, aber es zeigt den Maßstab: Jede Kilowattstunde, die du sinnvoll selbst nutzt, konkurriert mit einem relativ kleinen Vergütungsbetrag.

Und genau an dieser Stelle wirkt der Negativpreis-Trend indirekt: Er erhöht den Druck, Solarstrom nicht nur zu produzieren, sondern auch zu verschieben. Denn je mehr Anlagen gleichzeitig mittags einspeisen, desto eher geraten Netze und Märkte in Situationen, in denen Einspeisung weniger wertvoll ist als flexible Nutzung. Für Betreiber, die ihren Strom vermarkten (z. B. via Direktvermarktung), können Niedrig- und Negativpreisphasen außerdem direkt die Erlöse drücken. Für typische Heimanlagen bleibt der Hebel aber vor allem die Kombination aus Eigenverbrauch und Flexibilität.

Speicher, E-Auto, Wärmepumpe: So wird Solar wieder flexibel

„Speicher“ klingt nach einem großen Technikprojekt, ist aber im Kern ein Alltagsprinzip: Du verschiebst Strom von der Mittagszeit in die Abendstunden. Das kann eine Heimbatterie sein, aber auch ein E-Auto-Akku oder ein warmes Haus (Wärmepumpe + Speicher im Heizsystem). Der gemeinsame Nenner ist: Du reduzierst die Menge an Strom, die du in genau den Stunden abgibst, in denen viel Solar im Netz ist.

Für eine Einfamilienhaus-Planung werden häufig PV-Größen im Bereich 8–12 kWp und Speichergrößen im Bereich 5–10 kWh diskutiert. Statt pauschaler Versprechen ist ein einfacher Entscheidungscheck hilfreicher: Wie viele kWh pro Tag fallen bei dir mittags typischerweise „übrig“ an (also Produktion minus direkter Verbrauch)? Wenn du diese kWh speichern und später selbst nutzen kannst, ersetzt du Netzbezug. Der wirtschaftliche Vergleich pro kWh ist dann grob: Wert der gespeicherten kWh = dein vermiedener Strombezug minus Verluste; Wert der eingespeisten kWh = EEG-Vergütung.

Ein anschauliches Beispiel ohne versteckte Annahmen über Jahreserträge: Stell dir eine sonnige Mittagsstunde vor, in der deine PV 6 kWh liefert und dein Haushalt 1 kWh direkt verbraucht. Ohne Speicher gehen 5 kWh ins Netz. Bei einer Vergütung in der Größenordnung von rund 7,7–7,9 ct/kWh sind das grob 0,39 Euro für diese Stunde. Wenn du stattdessen 5 kWh in einen Speicher schiebst und abends nutzt, hängt der Nutzen nicht von der Börse ab, sondern von deinem Strompreis und davon, wie effizient der Speicher arbeitet. Du musst dafür keine Börsenprognosen können, sondern nur verstehen, dass Eigenverbrauch den kleinen Cent-Betrag der Einspeisung „schlägt“, sobald dein Haushaltsstrom spürbar teurer ist als die Vergütung.

Flexibilität ist nicht nur Batterie. Drei praktische Hebel für deutsche Haushalte: (1) E-Auto-Laden bevorzugt mittags oder in günstigen Stunden mit dynamischem Tarif, sofern dein Alltag das zulässt. (2) Wärmepumpe so betreiben, dass Wärme eher dann erzeugt wird, wenn PV-Strom verfügbar ist (z. B. über höhere Solltemperaturen in einem Zeitfenster). (3) Dynamischer Stromtarif (sofern verfügbar und passend): Er kann die Differenz zwischen teuren und sehr günstigen Stunden sichtbar machen. Damit wird es leichter, das Haus als „kleinen Flexibilitätsakteur“ zu betreiben, statt nur als Einspeiser.

Wichtig bleibt die Technikseite: Wenn Einspeisung begrenzt oder ferngesteuert reduziert werden kann (EEG § 9), gewinnt Eigenverbrauch zusätzlich, weil er weniger von externen Eingriffen abhängt. Ein Speicher kann dann auch als „Abregelungs-Puffer“ wirken: Statt Solarstrom ungenutzt zu lassen, lädst du in den Speicher und nutzt später im Haus.

Was Politik und Netzregeln an der Wirtschaftlichkeit drehen können

Ob Solarstrom ohne Speicher „weniger wert“ wird, hängt nicht nur an deinem Kellerraum, sondern auch an Regeln und Netzen. Drei Stellschrauben sind für Haushalte besonders spürbar.

Erstens: Transparente Markt- und Netzdaten. In Deutschland sind mit SMARD und den Veröffentlichungen der Bundesnetzagentur zentrale Datenquellen öffentlich zugänglich. Das ist wichtig, weil Debatten über Negativpreise und Engpässe sonst schnell abstrakt werden. Wenn du nachvollziehen kannst, wann Preise und Erzeugung auseinanderlaufen, wirkt die Speicherfrage weniger wie ein Bauchgefühl.

Zweitens: Technische Vorgaben und deren Umsetzung. EEG § 9 beschreibt die Möglichkeit, Ist-Einspeisung abzurufen und die Einspeiseleistung fernzusteuern bzw. zu regeln. Für bestimmte Anlagengrößen und Konstellationen nennt das Gesetz Grenzen und Anforderungen, die in der Praxis über Mess- und Steuertechnik umgesetzt werden müssen. Was das konkret für dich heißt, hängt von deiner Anlagengröße, dem Messkonzept und den Vorgaben deines Netzbetreibers ab. Der Trend geht insgesamt zu mehr Steuerbarkeit, weil sie hilft, viele dezentrale Anlagen netzdienlich zu integrieren.

Drittens: Regeln, die Flexibilität belohnen. Langfristig kann sich die Wirtschaftlichkeit von Speichern verbessern oder verschlechtern, je nachdem, wie Flexibilität vergütet wird: über Tarife, über Netzentgelte, über neue Flexibilitätsmärkte oder über Anforderungen an Steuerbarkeit. Bei all dem gilt: Für Haushalte ist weniger der perfekte Börsenhandel entscheidend, sondern ein robustes Setup, das auch ohne tägliche Optimierung funktioniert. Wenn du deinen Eigenverbrauch systematisch erhöhst und Lasten verschiebst, bist du besser gegen schwankende Marktwerte und gegen häufigere Eingriffe ins Einspeisemanagement geschützt.

Für die Kaufentscheidung ist deshalb eine nüchterne Reihenfolge sinnvoll: Erst klären, wie viel flexibler Verbrauch in deinem Haushalt überhaupt möglich ist (E-Auto, Wärmepumpe, Homeoffice-Muster). Dann prüfen, ob ein Speicher diese Flexibilität zuverlässig abbildet. Und erst danach die letzte Frage: Soll die Anlage maximal einspeisen oder vor allem deinen eigenen Bedarf abdecken? Je stärker der Negativpreis-Trend wird, desto öfter fällt die Antwort zugunsten von Flexibilität aus.

Fazit

Eine Photovoltaikanlage liefert weiterhin sehr wertvollen Strom, aber der „Wert“ verschiebt sich. Mit wachsender PV-Leistung im Netz entstehen in Deutschland häufiger Stunden mit sehr niedrigen oder negativen Großhandelspreisen. Gleichzeitig sind in den Regeln zur Netzstabilität technische Anforderungen verankert, die Einspeisung mess- und steuerbar machen und in bestimmten Fällen auch begrenzen können. Für dich als Haushalt heißt das: Eine PV-Anlage ohne Speicher kann sich weiterhin lohnen, aber sie hängt stärker an deiner persönlichen Verbrauchsstruktur und am Eigenverbrauchsanteil. Speicher, E-Auto, Wärmepumpe und dynamische Tarife sind weniger „Extra-Spielzeug“ als Werkzeuge, um Solarstrom in die Stunden zu bringen, in denen du ihn wirklich brauchst. Wer heute plant, sollte nicht nur Module zählen, sondern Flexibilität mitdenken.

Welche Flex-Option passt zu deinem Alltag: Heimspeicher, E‑Auto-Laden, Wärmepumpe oder Tarif? Teile deine Situation gern zur Diskussion.

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