Offshore-Wind und Kampfmittelräumung: Warum vor Windparks Minen wegmüssen

Bevor ein Offshore-Windpark gebaut werden kann, wird der Meeresboden häufig systematisch nach Altmunition abgesucht und bei Bedarf geräumt. Diese Kampfmittelräumung ist kein „Extra“, sondern ein Sicherheits- und Genehmigungsthema: Historische Minenfelder, Munition und andere Kampfmittel können beim Vermessen, Rammen von Fundamenten oder Verlegen von Kabeln zu einem realen Risiko werden. Fachleitfäden beschreiben dafür einen gestuften Ablauf von der Aktenrecherche bis zur technischen Vermessung und Zielpunkt-Untersuchung. Dieser Artikel erklärt verständlich, warum das nötig ist, wie die Suche technisch funktioniert und was das für Tempo, Kosten und Umweltauflagen bei Offshore-Wind bedeutet.

Einleitung

Vielleicht hast du schon von einem neuen Offshore-Windpark gelesen und dich gefragt, warum in den Vorarbeiten plötzlich von „Minenräumung“ oder „UXO“ die Rede ist. Das klingt nach Kriegsgeschichte, hat aber sehr praktische Gründe: Wer im Meer Fundamente setzt oder Kabel in den Boden einbringt, arbeitet im selben Raum, in dem über Jahrzehnte Schifffahrt, Kriegshandlungen und spätere Entsorgung Spuren hinterlassen haben. Solche Kampfmittel sind nicht nur gefährlich, sie können Projekte auch technisch ausbremsen, weil bestimmte Arbeiten erst nach einer gesicherten Freigabe stattfinden dürfen.

Für Offshore-Wind ist der Meeresboden eine Baustelle mit vielen Eingriffen: Vermessungsschiffe ziehen Sensoren hinter sich her, Bohrungen und Probennahmen erkunden den Untergrund, später werden Pfähle gerammt oder Fundamente verankert. Parallel werden Seekabel verlegt, teils mit Eingriffen in den Untergrund. Genau bei diesen Tätigkeiten wird das Risiko relevant, auf Altmunition zu treffen.

Gute Nachricht: Das Thema ist heute nicht „Trial and Error“, sondern folgt klaren Prozessketten. Leitfäden und Studien beschreiben einen gestuften Ablauf von der historischen Recherche über geophysikalische Messungen bis zur Untersuchung einzelner Verdachtspunkte und zur Freigabe. Was dabei im Detail passiert und warum es so wichtig ist, liest du in den nächsten Kapiteln.

Warum Altmunition Offshore-Windprojekte direkt betrifft

In Nordsee und Ostsee gibt es Gebiete, in denen mit Unterwassermunition und anderen Kampfmitteln gerechnet werden muss. Fachberichte und EU-Analysen nennen als Ursachen unter anderem Minenlegung in den Weltkriegen, abgeworfene oder über Bord gegangene Munition sowie spätere Entsorgung und Verklappung. Für Offshore-Wind heißt das: Auch wenn ein Projektgebiet wie eine leere Wasserfläche wirkt, ist der Untergrund historisch „vorbelastet“ und muss vor Eingriffen bewertet werden.

Der Kern ist ein Arbeitsschutz- und Anlagenrisiko. Schon die Vorerkundung kann kritisch sein: Geophysikalische Messungen oder Probennahmen arbeiten nahe am Boden. Später kommen Eingriffe hinzu, die das Risiko erhöhen, etwa das Setzen von Fundamenten, das Verlegen von Kabeln oder das Bewegen schwerer Ausrüstung. Deshalb verlangen Genehmigungs- und Planungsprozesse, dass Risiken durch Kampfmittel systematisch untersucht und dokumentiert werden. Im deutschen Kontext wird dieser Rahmen unter anderem im Offshore-Planungsdokument des Bundesamts für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) sichtbar, das die Anforderungen an Untersuchungen und Nachweise im Umfeld von Offshore-Projekten beschreibt.

Statt auf einen einzelnen „großen Räumungsschlag“ zu setzen, empfehlen Leitfäden einen gestuften Ablauf: erst Aktenlage und Risikobild, dann technische Messungen, danach die Untersuchung der konkreten Verdachtspunkte und erst anschließend gezielte Maßnahmen.

Diese Staffelung ist wichtig, weil sie zwei Ziele verbindet: Sicherheit und Effizienz. Niemand will bei jeder Anomalie sofort schweres Gerät und Spezialteams mobilisieren. Gleichzeitig darf ein Projekt nicht mit einer falschen Sicherheit weiterbauen. Deshalb wird früh festgelegt, worauf man eigentlich testen will. Leitlinien arbeiten dafür mit einem „Referenzobjekt“: Das ist ein repräsentativer Munitions- oder Gegenstandstyp, an dem sich festmachen lässt, welche Sensoren und Messauflösung nötig sind, um so etwas zuverlässig zu finden oder auszuschließen.

Begriffe und Bausteine der Kampfmittelräumung bei Offshore-Wind
Merkmal Beschreibung Wert
UXO Abkürzung für „Unexploded Ordnance“, also nicht detonierte Munition oder Kampfmittel im Boden oder Wasser. Risikoobjekt
Referenzobjekt Definierter „Prüfmaßstab“, an dem Messauflösung und Qualität der Daten ausgerichtet werden. Planungsgrundlage
Technische Vermessung (geophysikalisch) Messkampagne mit Sensoren wie Sonar und Magnetometern, um Verdachtspunkte zu detektieren. Datengrundlage
Zielpunkt-Untersuchung Gezielte Prüfung einzelner Verdachtspunkte, häufig mit ROV/AUV und ergänzenden Sensoren. Entscheidungshilfe
Freigabe / Sign-off Dokumentierter Nachweis, dass ein Bereich oder Zielpunkt entsprechend Verfahren untersucht und bearbeitet wurde. Voraussetzung

So läuft die Kampfmittelräumung ab: von Akten bis Freigabe

Auch wenn im Alltag oft verkürzt von „Minenräumung“ gesprochen wird, ist der typische Projektablauf deutlich breiter. Leitfäden für Offshore-Kampfmittelräumung beschreiben einen Prozess in mehreren Phasen, der von der Vorbereitung bis zur dokumentierten Freigabe reicht. Ein Vorteil dieser Struktur: Du kannst jede Phase als Entscheidungstor verstehen. Erst wenn die Datenlage belastbar ist, geht es weiter zum nächsten Schritt.

Phase I: Voruntersuchung (Desk Study). Am Anfang steht eine Akten- und Quellenrecherche. Dabei werden historische Informationen, bekannte Risikogebiete und alte Unterlagen ausgewertet, um ein erstes Risikobild zu erstellen. Wichtig ist, dass daraus nicht nur ein „Gefühl“ entsteht, sondern eine begründete Planung: Welche Munitionsarten sind plausibel, welche Bereiche sind besonders kritisch, und welches Referenzobjekt ist sinnvoll? Offizielle Desk-Study-Beispiele aus Offshore-Windprojekten zeigen, wie daraus Anforderungen für die technische Vermessung abgeleitet werden.

Phase II: Technische Vermessung (geophysikalische Survey). Jetzt wird gemessen. Ziel ist, Anomalien und Verdachtspunkte zu erfassen und zu lokalisieren. Moderne Leitlinien betonen dabei die Bedeutung von Datenqualität und Metadaten: Es reicht nicht, „irgendwo ein Sonarbild“ zu haben. Die Messdaten müssen nachvollziehbar sein, inklusive Positionierung, Sensorhöhe über dem Boden, Fahrspuren, Zeitstempeln und Qualitätskennzahlen. Eine wichtige Erkenntnis aus dem Fachleitfaden von Wehner und Frey (2022) ist, dass Datenqualität als messbare Größe behandelt werden sollte, damit Entscheidungen auditierbar sind.

Phase III: Untersuchung der Zielpunkte. Aus der Vermessung entsteht eine Liste an Kontakten. Nicht jeder Kontakt ist ein Kampfmittel. Deshalb folgt eine gezielte Untersuchung einzelner Punkte, häufig mit Unterwasserfahrzeugen (ROV oder AUV) und ergänzender Sensorik. Hier wird aus „Verdacht“ idealerweise „bestätigt“ oder „entkräftet“. Je nach Ergebnis wird ein Zielpunkt freigegeben oder zur Maßnahme weitergereicht.

Phase IV: Maßnahmen und Abschlussnachweis. Wenn ein Kampfmittel bestätigt ist, folgen projekt- und behördenspezifische Maßnahmen. Leitfäden nennen als grundsätzliche Optionen unter anderem Bergung oder Neutralisierung/Entsorgung. Für Offshore-Wind ist entscheidend, dass am Ende ein dokumentierter Nachweis steht, der zur Projektfreigabe passt. Das BSH beschreibt im Rahmen der Offshore-Planung, dass für solche Projekte entsprechende Untersuchungs- und Nachweise erforderlich sind, auch wenn die konkreten Sensor-Details typischerweise in anerkannten Leitlinien und Projekt-Spezifikationen geregelt werden.

Welche Technik eingesetzt wird und was sie leisten kann

Die technische Seite wirkt schnell wie „Hightech unter Wasser“ – und das ist sie auch. Gleichzeitig ist das Grundprinzip leicht zu verstehen: Man sucht nach Auffälligkeiten, die nicht zur natürlichen Umgebung passen. Weil ein einzelner Sensor nicht alles gut kann, wird in der Praxis häufig kombiniert.

Sonar und Multibeam (MBES) für Form und Oberfläche. Ein Multibeam-Echolot (MBES) tastet den Meeresboden mit vielen Schallstrahlen ab und liefert eine hochauflösende Karte der Topografie, oft ergänzt durch Rückstreu-Informationen. Side-Scan-Sonar (SSS) und andere bildgebende Sonare erzeugen „Bilder“ der Oberfläche, auf denen sich Objekte als Schatten und Reflexionsmuster zeigen können. Das ist besonders hilfreich, um einen Kontakt grob zu klassifizieren, etwa ob etwas wie ein technisches Objekt wirkt oder eher wie ein Stein oder Wrackteil.

Magnetometer (MAG) für Metall-Anomalien. Magnetometer messen Störungen im Magnetfeld, die durch metallische Gegenstände entstehen können. Das macht sie zu einem zentralen Werkzeug bei der UXO-Suche, weil viele Kampfmittel metallische Bestandteile haben. Gleichzeitig ist das kein magischer Detektor: Fachquellen weisen darauf hin, dass die Detektierbarkeit stark von Material, Magnetisierung, Lage, Höhe des Sensors über dem Boden und lokalen Störquellen abhängt. Deshalb wird die Sensorhöhe und die Linienführung in Leitlinien explizit als Qualitätsfaktor behandelt.

Sub-Bottom Profiler (SBP) für den Blick unter die Oberfläche. Ein Sub-Bottom-Profiler sendet Schallimpulse, die in den Boden eindringen und Reflexionen aus verschiedenen Schichten zurückliefern. Das ist hilfreich, wenn Objekte nicht sichtbar auf dem Boden liegen, sondern (teilweise) überdeckt sind. Auch hier gilt: Frequenz, Auflösung und Eindringtiefe sind ein Trade-off, und die Aussagekraft hängt vom Untergrund ab.

Warum Datenqualität so wichtig ist. Wehner und Frey (2022) argumentieren, dass Entscheidungen über „gefunden“ oder „ausgeschlossen“ nur so gut sind wie die Datenqualität. Deshalb definieren sie messbare Qualitätsfaktoren für MBES, SSS, MAG und SBP. Der Gedanke dahinter ist alltagstauglich: Wenn du mit einer unscharfen Kamera fotografierst, kannst du kleine Details nicht sicher erkennen. Unter Wasser ist die „Schärfe“ eine Kombination aus Messauflösung, Signal-Rausch-Abstand, Positionierung und stabiler Sensorführung. Wenn diese Faktoren nicht stimmen, wächst das Risiko von Fehlalarmen und – noch kritischer – von übersehenen Objekten.

Automatisierung und KI als Assistenz, nicht als Freigabe. Es gibt inzwischen Datensätze und Software-Repositorien, die die automatische Klassifikation von Sonar- oder Bilddaten für UXO-Fälle unterstützen. Das kann bei großen Datenmengen helfen, etwa um Verdachtspunkte zu sortieren oder Analysten zu entlasten. Gleichzeitig betonen Leitfäden und Studien, dass Freigabeentscheidungen nachvollziehbar bleiben müssen. In der Praxis bedeutet das: Automatisierung kann eine Vorfilterung liefern, ersetzt aber nicht die dokumentierte Qualitätsprüfung der Messdaten und die gezielte Untersuchung relevanter Kontakte.

Folgen für Zeitplan, Kosten und Umweltauflagen

Die Frage „Warum werden vor Offshore-Windparks Minen geräumt?“ hat noch eine zweite Ebene: Was bedeutet das für den Ausbau? Kampfmittelräumung ist ein Planungsblock, der nicht einfach an den Rand geschoben werden kann, weil er an andere Arbeitsschritte gekoppelt ist. Wenn die Freigabe für einen Bereich fehlt, können bestimmte Untersuchungen oder Installationsarbeiten nicht verantwortbar starten. Das betrifft besonders Zonen, in denen später Fundamente, Kabeltrassen oder Ankerpunkte liegen.

Projektlogik: erst messen, dann bauen. Aus den beschriebenen Phasen folgt eine typische Sequenz: Desk Study und Risikobild definieren, welche technische Vermessung nötig ist. Die Vermessung erzeugt Kontakte. Kontakte erzeugen Untersuchungsbedarf. Untersuchungsbedarf kann Maßnahmen auslösen. Jeder Schritt erzeugt Dokumentation, die wiederum für die Freigabe relevant ist. Das klingt bürokratisch, ist aber im Kern Risikomanagement: Es verhindert, dass ein Projekt mit unklarer Lage in invasive Arbeiten geht.

Warum falsche Sparsamkeit teuer wird. Fachquellen zeigen zwei typische Kostentreiber: erstens die Vielzahl an Verdachtspunkten (weil Meeresböden auch ohne UXO viele „Anomalien“ liefern), zweitens der Aufwand der physischen Untersuchung einzelner Kontakte mit ROV/AUV. Genau deshalb ist Datenqualität so wichtig: Wenn die technische Vermessung „zu grob“ ist, kann sie entweder Dinge übersehen oder zu viele unklare Treffer produzieren. Beides führt zu teuren Nacharbeiten. Wehner und Frey (2022) stellen die Qualitätsfaktoren ausdrücklich als Mittel dar, um Messkampagnen „fit for purpose“ zu machen und Re-Surveys zu vermeiden.

Umwelt: Detonation ist nicht die Standard-Erzählung. In der öffentlichen Wahrnehmung steht oft die Explosion im Vordergrund. In der Praxis ist entscheidend, dass Maßnahmen projekt- und behördengerecht gewählt werden und dass Auswirkungen bewertet werden. EU-Analysen zu Unterwassermunition betonen, dass Fähigkeiten, Zuständigkeiten und Umweltfragen stark vom jeweiligen Kontext abhängen. Gleichzeitig zeigen Branchenberichte, dass Offshore-Windprojekte real auf Weltkriegsminen treffen können. Für den Ausbau bedeutet das: Die Prozesse sind etabliert, aber sie sind kein reiner Routine-„Stempel“. Jedes Gebiet kann eigene Besonderheiten haben, und Maßnahmen müssen zur Lage passen.

Was das für die Energiewende bedeutet. Offshore-Wind ist ein wichtiger Baustein für klimafreundlichen Strom, der wiederum die Elektrifizierung von Mobilität unterstützt. Kampfmittelräumung wirkt dabei wie ein unsichtbarer Vorlauf: Sie kostet Zeit und Geld, aber sie reduziert Sicherheitsrisiken und macht Bau und Betrieb planbarer. Langfristig hilft ein hoher Standard bei Datenqualität, Prozessdokumentation und zielgerichteter Untersuchung dabei, Offshore-Windparks mit weniger Überraschungen zu realisieren.

Fazit

Vor Offshore-Windparks werden Minen und andere Kampfmittel nicht aus Symbolgründen geräumt, sondern weil der Meeresboden zur aktiven Baustelle wird. Historische Belastungen sind in Nordsee und Ostsee ein realer Risikofaktor, der vor Eingriffen systematisch bewertet werden muss. Leitfäden beschreiben dafür einen klaren Ablauf in Phasen: erst die historische Voruntersuchung, dann die technische Vermessung mit Sonar, Multibeam, Magnetometer und bei Bedarf Sub-Bottom-Profilern, anschließend die gezielte Untersuchung einzelner Verdachtspunkte und erst danach geeignete Maßnahmen und die dokumentierte Freigabe. Entscheidend ist dabei nicht nur „ob“ gemessen wird, sondern wie gut: Datenqualität, nachvollziehbare Metadaten und ein sauber definierter Prüfmaßstab (Referenzobjekt) entscheiden darüber, ob ein Projekt sicher und effizient vorankommt.

Welche Fragen zur Kampfmittelräumung bei Offshore-Wind hast du noch offen? Teile sie gern – je konkreter, desto besser können wir sie im nächsten Artikel aufgreifen.

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