Strompreise: Kartellamt sieht Risiko neuer Spitzen

Wenn dein Stromanbieter den Abschlag anhebt oder ein Neuvertrag plötzlich deutlich teurer ist, steckt dahinter oft der Börsenpreis. Laut aktuellem Bericht des Bundeskartellamts ist die Marktmacht einzelner großer Stromerzeuger gestiegen. Das erhöht das Risiko von Preisspitzen im Großhandel. Was bedeutet das konkret für Haushaltsstromtarife? Der Artikel erklärt die Mechanik von der Strombörse bis zu deinem Vertrag und zeigt, wo neue Kosten-Spitzen entstehen können.

Einleitung

Viele Haushalte haben nach den Turbulenzen der Jahre 2022 und 2023 gehofft, dass sich die Strompreise dauerhaft beruhigen. Doch selbst wenn dein aktueller Tarif stabil wirkt, bleibt die Lage am Großhandelsmarkt entscheidend. Steigen dort die Preise stark an, kann das bei Neuverträgen, Verlängerungen oder Abschlagsanpassungen schnell durchschlagen.

Das Bundeskartellamt warnt in seinem Marktmachtbericht 2024/25 vor einer gewachsenen Marktmacht großer Stromerzeuger. Bestimmte Anbieter waren in einem relevanten Teil der Stunden “pivotal”. Das heißt, ihre Kraftwerke wurden benötigt, um die Nachfrage überhaupt decken zu können. Gleichzeitig kam es im Untersuchungszeitraum zu Stundenpreisen von über 300 Euro pro Megawattstunde, einzelne Spitzen lagen laut Behörde bei rund 936 Euro pro Megawattstunde.

Die Behörde fand bei untersuchten Preisspitzen keinen Beleg für gezielte Zurückhaltung von Kapazitäten. Dennoch bleibt das strukturelle Risiko bestehen. Für dich zählt am Ende, was das für deinen Stromvertrag bedeutet.

Was das Bundeskartellamt zur Marktmacht sagt

Im Bericht für den Zeitraum Mai 2024 bis April 2025 analysiert das Bundeskartellamt, wie stark einzelne Erzeuger den Markt prägen. Ein zentrales Maß ist der sogenannte Residual Supply Index. Vereinfacht gefragt: Reicht die Kapazität aller anderen Anbieter aus, um die Nachfrage zu decken, wenn man einen großen Erzeuger gedanklich herausnimmt? Wenn nicht, gilt dieser Anbieter in dieser Stunde als unverzichtbar.

Die Behörde nutzt eine Schwelle von 5 Prozent der Jahresstunden als Indiz für eine marktbeherrschende Stellung. Zwei große Erzeuger lagen deutlich über dieser Marke, ein weiterer nahe an der Schwelle. Zugleich musste Deutschland in rund 23,2 Prozent der Stunden auf Importe zurückgreifen, um die inländische Nachfrage vollständig zu decken.

Strukturell gestiegene Marktmacht bedeutet nicht automatisch Missbrauch. Sie erhöht aber die Anfälligkeit für Preisspitzen in Knappheitssituationen.

Genau solche Knappheitssituationen traten im Spätherbst und Winter 2024 auf. An mehreren Tagen lagen die Day-Ahead-Preise über 300 Euro pro Megawattstunde. Einzelne Stunden erreichten laut Bericht rund 936 Euro pro Megawattstunde. Für Verbraucher ist wichtig: Diese Preise gelten zunächst an der Strombörse. Sie wirken indirekt auf Endkundenpreise.

Börsenpreis → Versorger → Tarif: die Mechanik

Um zu verstehen, warum Marktmacht im Großhandel deinen Tarif beeinflusst, hilft ein Blick auf drei Schritte. Schritt eins ist der Börsenpreis. Strom für den nächsten Tag wird an der Strombörse gehandelt. In Knappheitsstunden setzt das teuerste noch benötigte Kraftwerk den Preis für alle.

Schritt zwei betrifft deinen Versorger. Stadtwerke und private Anbieter kaufen Strom entweder langfristig über Terminmärkte oder kurzfristig über den Spotmarkt ein. Wenn sich Preisspitzen häufen oder das Risiko steigt, kalkulieren sie vorsichtiger. Das kann zu höheren Beschaffungskosten oder Risikoaufschlägen führen.

Schritt drei ist dein Tarif. Ein Teil deines Strompreises entfällt auf Netzentgelte, Steuern und Abgaben. Ein anderer Teil spiegelt die Beschaffung wider. Steigen die Einkaufskosten dauerhaft oder werden Risiken höher bewertet, wirken sich diese Faktoren bei neuen Verträgen oder bei auslaufenden Preisgarantien aus. Auch in der Grundversorgung können Anpassungen folgen.

Kurzfristige Extrempreise schlagen meist nicht eins zu eins auf deine Rechnung durch. Sie können aber das Risikobewusstsein im Markt erhöhen. Genau hier entsteht die Brücke zwischen Marktmacht im Strommarkt und möglichen Kosten-Spitzen im Stromvertrag.

Wo Haushalte neue Kosten-Spitzen spüren

Am stärksten betroffen sind Haushalte, deren Verträge auslaufen oder die einen neuen Anbieter suchen. Wenn Versorger in einer Phase erhöhter Unsicherheit kalkulieren, fallen Neukundenpreise oft höher aus als Bestandsverträge mit laufender Preisgarantie.

Auch die Grundversorgung reagiert auf veränderte Beschaffungskosten. Sie ist gesetzlich vorgeschrieben und muss Kunden aufnehmen, die keinen anderen Vertrag haben. Steigen die Einkaufspreise, können Grundversorger ihre Tarife anpassen. Das trifft besonders Verbraucher, die keinen aktiven Wechsel vornehmen.

Ein dritter Punkt sind Abschlagsanpassungen. Wenn ein Anbieter steigende Kosten erwartet, kann er den monatlichen Abschlag erhöhen, um Nachzahlungen zu vermeiden. Das fühlt sich wie eine sofortige Mehrbelastung an, auch wenn die endgültige Jahresabrechnung erst später Klarheit bringt.

Für dich heißt das: Prüfe vor einer Verlängerung, ob eine Preisgarantie greift und wie lange sie gilt. Achte auf Klauseln zur Preisänderung und darauf, ob Boni nur im ersten Jahr gelten. In Phasen mit häufigen Börsenpeaks sind kurze Laufzeiten ohne Absicherung riskanter als Tarife mit klar definierten Konditionen.

Welche Hebel Wettbewerb und Sicherheit stärken

Das Bundeskartellamt setzt vor allem auf Monitoring und Missbrauchsaufsicht. Es analysiert regelmäßig Marktdaten, prüft Preisspitzen und kann bei Verdacht auf Wettbewerbsverstöße eingreifen. Zudem diskutiert die Behörde Begrenzungen bei Kapazitätsauktionen, damit einzelne Anbieter ihre Position nicht weiter ausbauen.

Technisch spielt der Ausbau von Speichern und flexiblen Kraftwerken eine Rolle. Je mehr flexible Kapazität verfügbar ist, desto seltener wird ein einzelner Anbieter unverzichtbar. Auch Netzausbau und bessere Importmöglichkeiten können Knappheitssituationen entschärfen.

Für Haushalte ist das keine schnelle Lösung. Es zeigt aber, dass Marktmacht im Strommarkt kein abstraktes Thema ist, sondern über Wettbewerb, Infrastruktur und Regulierung mit deinem Alltag verknüpft bleibt.

Fazit

Der Bericht des Bundeskartellamts macht deutlich, dass die strukturelle Marktmacht einzelner Stromerzeuger zugenommen hat. Missbrauch wurde in den untersuchten Fällen nicht festgestellt. Dennoch erhöhen Knappheit und hohe Abhängigkeit von einzelnen Anbietern das Risiko von Preisspitzen an der Börse. Für dich wirkt sich das vor allem bei Neuverträgen, auslaufenden Preisgarantien und möglichen Abschlagsanpassungen aus. Wer seine Vertragskonditionen kennt und regelmäßig prüft, reduziert die Gefahr unerwarteter Mehrbelastungen.

Beobachte deinen Tarif aktiv und teile deine Erfahrungen mit steigenden oder sinkenden Abschlägen in den Kommentaren.

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