Wie stark beeinflussen 39 % erneuerbarer Strom wirklich die Strompreise Deutschland? Ein Blick nach Irland zeigt, wie sich ein hoher Ökostrom-Anteil auf Börsenpreise, Netzentgelte und Systemkosten auswirkt. Auf Basis offizieller Daten von EirGrid, BDEW und Bundesnetzagentur zerlegt dieser Artikel den Haushaltsstrompreis in seine Bestandteile und zeigt, wann viel Wind und Sonne die Rechnung senken und wann Engpässe sie erhöhen. Außerdem erfährst du, welche Posten auf deiner Rechnung schwanken, welches Risiko Dunkelflauten bergen und ob ein fixer oder dynamischer Tarif sinnvoll ist.
Einleitung
Du kennst es vermutlich von deiner letzten Jahresabrechnung: Der Strompreis wirkt wie eine Blackbox. Mal sinken die Börsenpreise, doch die Rechnung bleibt hoch. Dann heißt es, mehr Wind- und Solarstrom würden alles günstiger machen. Gleichzeitig steigen Netzentgelte oder neue Umlagen tauchen auf. Was stimmt also?
Ein nüchterner Blick auf Zahlen hilft. Irland erreichte laut dem Übertragungsnetzbetreiber EirGrid im Kalenderjahr 2022 einen Anteil von 39 % erneuerbarer Energien am Strombedarf. Diese Marke eignet sich als Rechenanker: hoch genug, um Effekte sichtbar zu machen, aber noch kein vollständig erneuerbares System.
Überträgt man dieses Niveau gedanklich auf Deutschland, wird klar, dass nicht nur der Börsenpreis zählt. Entscheidend sind Netzentgelte, Kosten für Redispatch und Absicherung gegen Versorgungsengpässe. Genau hier entscheidet sich, was 39 % Ökostrom wirklich kosten.
39 % erneuerbarer Strommix als Rechenanker
Laut EirGrid lag der Anteil erneuerbarer Energien am irischen Strombedarf 2022 bei 39 %. Bei einem gesamten Strombedarf von 31.622 GWh entsprach das rund 12,3 TWh erneuerbarer Erzeugung. Diese Zahlen stammen aus dem offiziellen System- und Erneuerbarenbericht des Netzbetreibers.
39 % erneuerbarer Strom bedeuten nicht 39 % weniger Kosten, sondern 39 % andere Kostenstruktur.
Der zentrale Punkt: Erneuerbare Energien haben sehr geringe variable Erzeugungskosten. Wenn viel Wind weht oder die Sonne stark scheint, sinken die Großhandelspreise an der Strombörse deutlich. Diese Preise bilden jedoch nur einen Teil deiner Rechnung.
Gleichzeitig steigen mit wachsendem Anteil erneuerbarer Energien die Anforderungen an Netze und Systemstabilität. Strom muss dorthin transportiert werden, wo er gebraucht wird. Wenn das Netz an seine Grenzen stößt, greifen Netzbetreiber ein. Dieses Eingreifen heißt Redispatch und verursacht zusätzliche Kosten.
| Merkmal | Beschreibung | Wert |
|---|---|---|
| Erneuerbaren-Anteil | Anteil am Strombedarf in Irland 2022 | 39 % |
| Erneuerbare Erzeugung | Abgeleitet aus 31.622 GWh Bedarf | ≈ 12,3 TWh |
So setzen sich die Strompreise Deutschland zusammen
Für die Strompreise Deutschland liefert die BDEW-Strompreisanalyse vom März 2025 belastbare Zahlen. Für einen Musterhaushalt mit 3.500 kWh Jahresverbrauch lag der durchschnittliche Preis 2024 bei 40,22 ct/kWh. 2025 wurden 39,80 ct/kWh ausgewiesen.
Die Zusammensetzung zeigt, warum Börsenpreise allein nicht entscheidend sind. 2025 entfielen 16,12 ct/kWh auf Beschaffung und Vertrieb. Die Netzentgelte lagen bei 10,96 ct/kWh. Steuern, Abgaben und Umlagen summierten sich auf 12,72 ct/kWh.
Der Großhandelspreis am Day-Ahead-Markt lag laut Bundesnetzagentur 2024 im Durchschnitt bei rund 78,51 Euro pro MWh, also etwa 7,85 ct/kWh. Dieser Wert ist deutlich niedriger als der Beschaffungsanteil im Haushaltsstrompreis, da Versorger langfristig einkaufen, Risiken absichern und zusätzliche Kosten tragen.
Damit wird klar: Selbst wenn viel Wind die Börsenpreise drückt, bleiben Netzentgelte und staatlich veranlasste Bestandteile stabil oder steigen. Wer nur auf die Börse schaut, unterschätzt die Rolle der Infrastruktur.
Wann mehr Erneuerbare die Rechnung senken oder erhöhen
Mehr Wind- und Solarstrom senken tendenziell die Börsenpreise, weil teurere Kraftwerke seltener benötigt werden. In Phasen hoher Einspeisung entstehen niedrige oder sogar sehr niedrige Marktpreise. Dynamische Tarife können diese Effekte direkt an Verbraucher weitergeben.
Gleichzeitig entstehen Kosten, wenn Strom nicht dort produziert wird, wo er gebraucht wird. Laut wissenschaftlichen Analysen und Monitoringdaten der Bundesnetzagentur lagen die Redispatch-Kosten 2024 bei rund 2,7 Milliarden Euro. Diese Summe wird über Netzentgelte oder andere Mechanismen sozialisiert.
Rein rechnerisch entspräche das bei gleichmäßiger Verteilung auf etwa 41 Millionen Haushalte rund 66 Euro pro Haushalt und Jahr. Das wären knapp 1,9 ct/kWh bei 3.500 kWh Verbrauch. In der Realität verteilt sich die Last jedoch unterschiedlich auf Verbrauchergruppen.
In sogenannten Dunkelflauten, also Zeiten mit wenig Wind und Sonne, müssen konventionelle Kraftwerke einspringen. Für diese Absicherung existieren Mechanismen wie Netzreserve oder Kapazitätsinstrumente. Auch diese Sicherheitsnetze sind Teil der Gesamtkosten eines Systems mit hohem Erneuerbaren-Anteil.
Drei konkrete Folgen für Haushalte und Betriebe
Erstens schwanken vor allem die Beschaffungskosten. Sie reagieren auf Börsenpreise und damit auf Wind- und Solarangebot. Netzentgelte und Steuern sind deutlich träger. Wer auf sinkende Strompreise durch mehr Ökostrom hofft, sollte daher primär auf den Beschaffungsanteil achten.
Zweitens bezahlst du Versorgungssicherheit indirekt mit. Redispatch, Reservekraftwerke und Netzausbau sorgen dafür, dass auch bei Dunkelflauten das Licht anbleibt. Diese Kosten tauchen nicht als eigene Zeile auf, sondern fließen überwiegend in Netzentgelte ein.
Drittens wird die Tarifwahl strategischer. Ein fixer Tarif bietet Planungssicherheit, entkoppelt dich aber von niedrigen Börsenpreisen. Ein dynamischer Tarif kann günstiger sein, wenn du deinen Verbrauch in Zeiten mit viel Wind und Sonne verschiebst. Dafür brauchst du in der Regel ein intelligentes Messsystem und die Bereitschaft, flexibel zu reagieren.
Für kleine Betriebe gilt Ähnliches. Wer Lasten steuern kann, etwa Kühlung, Ladeinfrastruktur oder Wärmepumpen, kann von Preissignalen profitieren. Ohne Flexibilität bleibt der Vorteil hoher erneuerbarer Anteile begrenzt.
Fazit
39 % erneuerbarer Strom sind weder automatisch ein Preistreiber noch ein Garant für sinkende Rechnungen. Entscheidend ist, wie gut Netze, Marktregeln und Flexibilität zusammenspielen. Die Strompreise Deutschland zeigen, dass Beschaffungskosten sinken können, während Netzentgelte und Systemkosten steigen oder stabil bleiben.
Für dich heißt das: Beobachte nicht nur Schlagzeilen über Börsenpreise. Prüfe Tarifmodelle, denke über Lastverschiebung nach und behalte die Netzentgelte im Blick. Der Umbau des Energiesystems verändert vor allem die Struktur der Kosten.





