Offshore‑Wind: Nordamerika rüstet auf – Druck für deutsche Zulieferer

Stand: 07. February 2026
Berlin

Auf einen Blick

Offshore‑Wind bekommt an der US‑Ostküste neuen politischen Rückenwind: Massachusetts und Nova Scotia haben am 4. Februar 2026 eine Kooperationsvereinbarung unterzeichnet. Parallel bleiben große Entwickler wie Ørsted international ausgerichtet. Für deutsche Zulieferer heißt das: mehr Exportchancen – aber auch mehr Konkurrenz um Schiffe, Häfen und Komponenten.

Das Wichtigste

  • Massachusetts und Nova Scotia haben am 04.02.2026 ein Memorandum of Understanding (MOU) zur Zusammenarbeit bei Offshore‑Wind, Netzanbindung sowie Häfen/Logistik unterschrieben.
  • Das MOU ist laut Dokument nicht bindend und enthält keine festen Investitionssummen, Beschaffungsvolumina oder Projekt-Zeitpläne.
  • Ørsted beschreibt in seinen Investor-Unterlagen Offshore-Wind weiterhin als Kerngeschäft und zeigt eine regionale Pipeline über Europa, USA und Asien-Pazifik – ein Signal, dass Lieferketten global umkämpft bleiben.

Einleitung

Wenn zwei Regionen in Nordamerika Offshore‑Wind gemeinsam „hochziehen“, ist das für Deutschland nicht nur eine nette Randnotiz. Deutsche Maschinenbauer und Komponentenlieferanten hängen an Offshore‑Wind über Aufträge, Auslastung und Exportquoten. Und: Jeder neue Ausbau‑Korridor zieht dieselben knappen Ressourcen an – von Kabeln über Stahlkapazitäten bis zu Spezialschiffen. Genau deshalb lohnt sich der Blick auf die frische Partnerschaft Massachusetts–Nova Scotia und auf die internationale Kapitalallokation großer Entwickler.

Was neu ist

Massachusetts und die kanadische Provinz Nova Scotia haben am 4. Februar 2026 ein MOU zur Offshore‑Wind‑Zusammenarbeit geschlossen. Das Papier setzt auf Austausch und Koordination bei Markt-/Ausschreibungswissen, Netz- und Übertragungsfragen (inklusive der Prüfung „bidirektionaler“ Optionen) sowie bei Häfen, Schiffen und Lieferketten. Wichtig für die Einordnung: Das MOU ist eine Kooperationsrahmenvereinbarung – es verpflichtet die Parteien nicht zu konkreten Investitionen oder Beschaffungen und ersetzt keine einzelnen Projektentscheidungen, Genehmigungen oder Stromabnahmeverträge.

Was das für dich bedeutet

1) Lieferketten kippen nicht über Nacht – aber sie verschieben sich. Selbst ein nicht bindendes MOU kann ein Signal sein: Regionen versuchen, Häfen, Flächen, Schulungen und Beschaffung zu synchronisieren. Für den globalen Markt zählt das, weil Offshore‑Wind stark von wenigen Engpässen abhängt (z.B. Hafen-„Marshalling“, Schwerlastlogistik, Installationskapazitäten). Wenn Nordamerika diese Engpässe aktiv adressiert, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Projekte dort schneller „baureif“ werden – und dann ziehen sie Material und Dienstleister an, die auch Europa nutzt.

2) Für deutsche Zulieferer entsteht eine doppelte Realität: Exportchance vs. Preisdruck. Chancen: Wer Fundamente, Umspannwerkskomponenten, Kabeltechnik, Fertigungsanlagen, Prüftechnik oder Hafen-Equipment liefert, kann von einem neuen Nachfragepool profitieren – besonders, wenn US/kanadische Akteure schnell skalieren wollen. Risiken: Mehr parallele Projekte bedeuten härteren Wettbewerb um dieselben Vorprodukte (Stahl, Kabel, Leistungselektronik) und um Logistik-Kapazitäten. Das kann Margen drücken oder Lieferzeiten verlängern – selbst dann, wenn dein Unternehmen gar nicht in Nordamerika verkauft, sondern „nur“ in Europa liefert.

3) Was das für Deutschland (Preise, Ausschreibungen, Jobs) heißen kann. Für Haushalte und Unternehmen wirkt Offshore‑Wind hierzulande nicht über eine einzelne Schlagzeile, sondern über Projektkosten und Tempo in Ausschreibungen. Drei realistische Szenarien:
Best Case: Deutsche Zulieferer gewinnen zusätzliche Exportaufträge, Auslastung steigt, Know-how skaliert – das kann mittelfristig Kosten in Europa stabilisieren, wenn Fabriken effizienter werden.
Base Case: Nordamerika bindet Teile der knappen Logistik- und Installationskapazitäten. Dann steigen Projekt-Risikoaufschläge; Bieter kalkulieren vorsichtiger. Das kann Ausschreibungsergebnisse in Europa indirekt beeinflussen, ohne dass es sofort im Strompreis sichtbar wird.
Stress Case: Engpässe (Häfen/Schiffe/Komponenten) verschärfen sich global. Dann drohen Verschiebungen von Bauplänen und ein stärkerer Kostendruck – mit Folgen für Investitionen und Beschäftigung entlang der Kette (von Stahlbau bis Service).
Wichtig: Konkrete Preiswirkungen für Deutschland lassen sich aus dem neuen MOU allein nicht seriös beziffern, weil weder Volumina noch Zeitpläne festgeschrieben sind. Entscheidend sind die Folge-Schritte (Ausschreibungen, Hafenprojekte, Lieferverträge).

4) Was Industrie und Politik jetzt pragmatisch tun können.
Früh in Ausschreibungen rein: Deutsche Mittelständler brauchen „Bid‑Readiness“ für US/Canada (lokale Partner, Zertifizierungen, Vertragslogik, Haftung).
Partnerschaften statt Alleingang: Wer Hafen- oder Fertigungsprojekte adressiert, sollte JV-Modelle mit lokalen Playern prüfen, um „Local Content“-Risiken abzufedern (falls gefordert).
Kapazitäten absichern: Langfristige Rahmenverträge (Material, Komponenten, Logistik) reduzieren die Gefahr, in einem globalen Bieterkrieg leer auszugehen.
Politik als Türöffner: Exportförderung, schnellere Messe-/Delegationsformate und gezielte Energie- und Industrie-Diplomatie können helfen, deutsche Anbieter in nordamerikanischen Lieferlisten zu verankern – ohne Subventionswettlauf.

Wie es weitergeht

Das MOU ist erst der Startschuss für Arbeitsgruppen, Studien und Folgevereinbarungen. Für die deutsche Perspektive sind drei Signale in den nächsten Monaten entscheidend: (1) ob daraus konkrete Hafen- und Lieferkettenprojekte (RFIs/RFPs) werden, (2) ob Netzanbindungs- und Übertragungsoptionen tatsächlich in formale Prüfprozesse gehen, und (3) ob große Entwickler ihre Projekt-Pipelines zeitlich oder regional neu takten. Wenn du in der Lieferkette arbeitest, zählt jetzt weniger die PR – sondern die Frage: Welche Beschaffungen werden verbindlich ausgeschrieben, und welche Standards gelten?

Fazit

Die Partnerschaft Massachusetts–Nova Scotia ist keine „Order-Flut“ auf Knopfdruck, sondern ein politisches Signal: Nordamerika will Offshore‑Wind koordinierter hochfahren. Gleichzeitig zeigen Investor-Unterlagen von Ørsted, dass große Entwickler Offshore‑Wind weiter global denken. Für Deutschland bedeutet das unterm Strich: Wer liefert, kann gewinnen – aber nur, wenn er Kapazitäten, Standards und Partnerschaften früh sichert. Wer zu spät reagiert, spürt den Ausbau anders: über Preisdruck, knappe Logistik und verschobene Zeitpläne.

Arbeitest du in der Offshore‑Wind‑Lieferkette? Welche Hürde bremst dich eher: Ausschreibungszugang in Nordamerika, Zertifizierungen/Standards oder schlicht fehlende Kapazitäten bei Material und Logistik?

In diesem Artikel

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