Stand: 03. February 2026
Berlin
Auf einen Blick
Ökostrom Abregelung klingt nach Technik-Kleinkram, landet aber als Systemkosten auf deiner Rechnung. Wenn Wind- und Solarstrom wegen Netzengpässen oder negativen Börsenpreisen nicht ins Netz darf (oder sich nicht lohnt), zahlen wir Entschädigungen und Redispatch mit. Eine greifbare Größenordnung: 1,75 TWh nicht genutzter Strom.
Das Wichtigste
- Abregelung bedeutet: Anlagen reduzieren ihre Einspeisung – entweder angeordnet (Netzengpass/Redispatch) oder freiwillig (weil sich Einspeisen bei negativen Preisen wirtschaftlich nicht lohnt).
- 1,75 TWh entsprechen 1,75 Milliarden kWh – das ist (je nach angenommener Haushaltsnutzung) Strom für grob hunderttausende Haushalte über viele Monate.
- Bezahlt wird das über Systemkosten: Entschädigungen, Redispatch und Engpassmanagement fließen am Ende in Netzentgelte und Strompreisbestandteile ein (freiwillige Abregelung ausgenommen) – auch dann, wenn der Börsenstrom zeitweise spottbillig ist.
Einleitung
Wenn du dich wunderst, warum der Strom an der Börse immer öfter „zu viel“ ist, aber deine Rechnung nicht im gleichen Tempo fällt: Genau in dieser Lücke steckt die Ökostrom-Abregelung. Deutschland baut Wind und vor allem PV weiter aus – super fürs Klima, aber brutal ehrlich fürs System: Ohne schnellere Netze und mehr Flexibilität wächst das Abregelungsproblem erst einmal mit.Was neu ist
Die öffentliche Debatte verschiebt sich vom „Wie viel Ökostrom haben wir?“ zu „Wie viel davon kommt wirklich an?“ Netzbetreiber veröffentlichen für Redispatch und Abregelung zunehmend detaillierte Daten (z.B. über die gemeinsame Plattform Netztransparenz). Dort ist auch dokumentiert, dass sich die Veröffentlichungssystematik über die Jahre verändert hat – wichtig, weil Vergleiche sonst schnell schiefgehen. Parallel zeigen Markt- und Systemberichte: Engpassmanagement kostet spürbar Geld. Das Datenportal SMARD (Bundesnetzagentur) führt für Deutschland Zahlen und Einordnungen zum Netzengpassmanagement (inkl. Kostenbetrachtungen). Und in den Monitoring-Berichten der Bundesnetzagentur tauchen die „verlorenen“ Energiemengen als reale Systemgröße auf – als anschauliche Hausnummer kursiert dabei 1,75 TWh abgeregelter Wind- und Solarstrom (je nach Abgrenzung der Kategorien). Wichtig fürs Verständnis: „Abregelung“ passiert aus zwei Gründen. Erstens technisch: Netzengpässe – der Strom entsteht regional (viel Wind im Norden/Osten, viel PV tagsüber), der Verbrauch sitzt oft woanders. Zweitens ökonomisch: negative Börsenpreise – wenn Angebot die Nachfrage überrennt, kann Einspeisen für einzelne Betreiber unattraktiv oder sogar teuer werden. In beiden Fällen kommt weniger grüner Strom bei dir an, obwohl die Anlagen theoretisch liefern könnten.Was das für dich bedeutet
1) Deine Stromrechnung: Du zahlst die „Unsichtbaren“ mit. Wenn Netzbetreiber Anlagen runterregeln oder Kraftwerke hoch- und runterfahren lassen, entstehen Entschädigungen und Betriebs-/Marktkosten. Diese Systemkosten landen über Netzentgelte und Umlagen/Preisbestandteile bei uns allen. Der Effekt fühlt sich besonders zynisch an, wenn du parallel Schlagzeilen über negative Strompreise liest: Billig an der Börse heißt nicht automatisch billig im Haushaltstarif. 2) Wenn du PV besitzt: Einspeisung ist kein Selbstläufer. Bei lokalen Netzengpässen kann der Netzbetreiber Einspeisung zeitweise begrenzen. Je nach Förder-/Vertragskonstellation greifen Entschädigungsregeln – aber: Planbarkeit und Rendite hängen zunehmend davon ab, wie gut du deinen Strom selbst nutzen oder flexibel vermarkten kannst. Praktisch heißt das: Eigenverbrauch (z.B. tagsüber Warmwasser, Batterie, Wallbox) wird mehr wert, weil er Netzstress umgeht. 3) Wenn du E-Auto oder Wärmepumpe nutzt: Das ist auch deine Chance. Mehr Abregelung bedeutet oft: Mehr Stunden mit sehr niedrigen oder sogar negativen Großhandelspreisen. Als Privatperson profitierst du davon nur, wenn dein Tarif diese Preissignale weiterreicht (z.B. dynamisch) und wenn du Lasten verschieben kannst. Wer Laden/Heizen in die „zu viel Strom“-Stunden schiebt, senkt Kosten und hilft dem Netz. Ohne Smart Meter/geeigneten Tarif bleibt der Vorteil dagegen häufig beim System und bei Marktteilnehmern hängen, nicht bei dir. Warum das mit weiterem PV-Zubau erst einmal eher wächst: PV produziert mittags gebündelt, während Verbrauch nicht automatisch mitzieht. Ohne Speicher, Netzausbau und flexible Verbraucher steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das Netz regional „voll“ läuft – und dann regelt jemand ab. Das ist keine Anti-PV-Story, sondern ein Koordinationsproblem.Wie es weitergeht
Die realistische Abkürzung heißt nicht „eine Wundertechnologie“, sondern mehrere langweilige Hebel gleichzeitig. Erstens: Netzausbau (Übertragungs- und Verteilnetze) reduziert Engpässe strukturell. Zweitens: mehr Speicher (Batterien, Pumpspeicher, perspektivisch auch andere Speicherformen) fängt Mittagsspitzen ab. Drittens: lokale Flexibilität – also Lastverschiebung bei Wallboxen, Wärmepumpen, Gewerbe und Quartieren – macht aus „zu viel Strom“ echte Nutzung. Am schnellsten spürbar dürfte für viele Haushalte ein Mix aus smarterm Eigenverbrauch (PV + Batterie + steuerbare Verbraucher) und Tarifen, die Flexibilität belohnen werden. Das senkt nicht nur deine Kosten, sondern drückt auch die Systemkosten, die sonst über Netzentgelte verteilt werden.Fazit
Ökostrom-Abregelung ist keine Randnotiz, sondern ein Geldthema. Wenn Wind- und Solarstrom trotz grundsätzlich vorhandenem Bedarf nicht durchkommt, zahlen wir doppelt: Wir verlieren günstige Energie und finanzieren die Eingriffe, die das Netz stabil halten. Die Zahl 1,75 TWh macht das greifbar – und sie erinnert daran: Mehr Erzeugung allein löst das Problem nicht, erst Flexibilität und Netze machen sie billiger.Wie flexibel bist du schon: Könntest du Laden/Heizen um 2–3 Stunden verschieben, wenn du dafür wirklich weniger zahlst – oder fehlt dir dafür noch Tarif, Technik oder schlicht Alltagsspielraum?





