Mittelspannungs-Netzanschluss: Kommt Strom schneller und sicher?

Der Mittelspannungs-Netzanschluss entscheidet darüber, ob neue Schnellladeparks in wenigen Monaten ans Netz gehen oder jahrelang auf Strom warten. Der BDEW arbeitet an einer stärkeren Standardisierung von Anträgen, technischen Anschlussbedingungen und Inbetriebnahmeprozessen. Für Betreiber von Ladeparks, Supermärkten oder Flotten-Depots geht es um klare Abläufe, weniger Nachforderungen und geringere Ausfallrisiken. Dieser Artikel zeigt, wo es heute hakt, welche Schritte vereinheitlicht werden sollen und was das konkret für Tempo und Betriebssicherheit bedeutet.

Einleitung

Der Ladepark steht, die Säulen sind montiert, die Markierungen frisch gezogen. Nur eines fehlt: der Strom. Für viele Betreiber ist genau das der kritische Moment. Der Mittelspannungs-Netzanschluss entscheidet, wann eine Anlage wirklich in Betrieb geht. Gerade bei Schnellladern mit mehreren hundert Kilowatt pro Säule reicht ein normaler Niederspannungsanschluss oft nicht aus. Dann braucht es einen Anschluss an die Mittelspannungsebene mit eigenem Trafo und komplexer Abstimmung mit dem Netzbetreiber.

Laut Untersuchungen von dena und Fraunhofer erhöhen hohe Ladeleistungen lokal die Spitzenlast deutlich. Das zwingt Netzbetreiber zu Lastfluss- und Kurzschlussberechnungen, teilweise auch zu Verstärkungen im Netz. In der Praxis ziehen sich diese Prozesse häufig über Monate, in komplexeren Fällen über ein Jahr. Der BDEW will hier ansetzen und Abläufe vereinheitlichen. Die Idee dahinter ist einfach: Wenn Anträge, technische Mindestanforderungen und Prüfprozesse klar definiert sind, gibt es weniger Rückfragen und weniger Stillstand auf der Baustelle.

Warum der Netzanschluss heute oft bremst

Ein Mittelspannungs-Netzanschluss beginnt mit einem Antrag beim zuständigen Netzbetreiber. Danach folgt eine Netzverträglichkeitsprüfung. Dabei wird berechnet, ob das bestehende Netz die zusätzliche Leistung aufnehmen kann oder ob Leitungen, Schaltanlagen oder Transformatoren verstärkt werden müssen. Je nach Region und Auslastung dauert allein diese Prüfung mehrere Wochen bis Monate.

In vielen Fällen kommen im Laufe der Planung Nachforderungen hinzu. Fehlende Datenblätter der Ladehardware, unklare Schutzkonzepte oder unvollständige Einliniendiagramme führen zu Rückfragen. Jede neue Planungsiteration kostet Zeit. Hinzu kommen Lieferzeiten für Transformatoren, die laut Marktbeobachtungen stark schwanken können. Für Betreiber bedeutet das gebundenes Kapital und einen Ladepark, der zwar gebaut, aber noch nicht nutzbar ist.

Hohe Ladeleistungen erhöhen lokal die Netzbelastung und erfordern eine sorgfältige Planung von Schutz- und Netztechnik.

Auch die Zuständigkeiten sind nicht immer klar. Wer beschafft die Mittelspannungsschaltanlage, wer definiert die Schutzparameter, wer testet die Relais vor Inbetriebnahme. Unterschiedliche technische Anschlussbedingungen der Netzbetreiber sorgen dafür, dass Projektierer sich jedes Mal neu einarbeiten müssen. Genau hier setzt die Diskussion um mehr Standardisierung an.

Typische Zeitfaktoren beim Mittelspannungsanschluss
Schritt Beschreibung Typische Dauer
Netzprüfung Lastfluss- und Kurzschlussberechnung durch den Netzbetreiber 4 Wochen bis 6 Monate
Trafo-Beschaffung Bestellung und Lieferung eines Mittelspannungs-Transformators 8 bis 36 Wochen
Inbetriebnahme Schutzprüfung, Relais-Tests, Abnahme 1 bis 4 Wochen

Was der BDEW konkret standardisieren will

Der BDEW veröffentlicht technische Anschlussbedingungen für die Mittelspannung. Diese Dokumente definieren unter anderem Anforderungen an Schutztechnik, Erdung, Messung und Dokumentation. Ziel einer stärkeren Standardisierung ist es, Antragsunterlagen, Datensätze und Prüfprotokolle so zu vereinheitlichen, dass sie bundesweit vergleichbar sind.

Konkret geht es um vier Bereiche. Erstens standardisierte Antragsformulare mit klaren technischen Mindestangaben, etwa zur maximalen Ladeleistung, zur Blindleistungsregelung oder zu eingesetzten Transformatoren. Zweitens einheitliche technische Anschlussbedingungen, die Schutzkonzepte und Grenzwerte für Netzrückwirkungen definieren. Drittens standardisierte Prüf- und Inbetriebnahmeprozesse mit festgelegten Testschritten. Viertens klar geregelte Zuständigkeiten und Fristen zwischen Betreiber, Elektroplaner und Netzbetreiber.

In der Praxis bedeutet das: Wenn ein Projektierer die geforderten Unterlagen vollständig einreicht und die Schutzparameter nach einem anerkannten Schema einstellt, sollte der Netzbetreiber weniger individuelle Nachforderungen stellen müssen. Das reduziert Planungsrunden und beschleunigt die Freigabe. Gleichzeitig erleichtert es Netzbetreibern die interne Prüfung, weil sie mit bekannten Datenformaten arbeiten.

Messbare Effekte für Tempo und Kosten

Zeit ist im Ladeinfrastruktur-Geschäft ein entscheidender Faktor. Wenn sich die Netzprüfung von mehreren Monaten auf einen klar definierten Zeitraum verkürzen lässt, sinken Projektkosten indirekt. Jeder Monat Verzögerung bedeutet Finanzierungskosten, entgangene Umsätze und zusätzlichen Koordinationsaufwand.

Studien zu Netzflexibilität zeigen, dass hohe Lastspitzen durch intelligentes Lastmanagement oder lokale Speicher reduziert werden können. Wenn solche Maßnahmen bereits standardisiert in den Anschlussbedingungen berücksichtigt werden, können sie teure Netzverstärkungen vermeiden oder zumindest verschieben. Das spart Investitionen in zusätzliche Leitungen oder größere Transformatoren.

Auch die Reduktion von Planungsiterationen wirkt sich aus. Weniger Rückfragen zu Schutzrelais, weniger Korrekturen bei Schaltplänen, weniger Nachforderungen bei der Dokumentation. Diese Punkte erscheinen klein, summieren sich aber schnell zu mehreren Wochen Projektlaufzeit. Einheitliche Standardpakete können hier für Planbarkeit sorgen.

Mehr Sicherheit durch einheitliche Schutzkonzepte

Ein Mittelspannungsanschluss ist kein einfacher Stromanschluss. Fehlerhafte Einstellungen bei Überstrom- oder Differentialschutz können im schlimmsten Fall zu unnötigen Abschaltungen oder zu Schäden an Betriebsmitteln führen. Einheitliche Schutzkonzepte helfen, solche Risiken zu reduzieren.

Wenn Schutzparameter, Relais-Typen und Prüfprotokolle nach einem gemeinsamen Schema dokumentiert sind, sinkt das Risiko von Fehlanschlüssen. Auch die Netzstabilität profitiert, weil klar definiert ist, wie sich ein Ladepark bei Störungen verhalten muss. Das betrifft etwa die Einhaltung von Grenzwerten für Oberschwingungen oder das Verhalten bei Spannungseinbrüchen.

Für Betreiber bedeutet das weniger ungeplante Ausfälle. Für Netzbetreiber eine bessere Transparenz über angeschlossene Leistungen. Und für Elektroplaner eine klarere technische Leitlinie, an der sie sich orientieren können. Pilotprojekte und eine schrittweise Einführung gelten als realistischer Weg, bevor solche Standards flächendeckend Anwendung finden.

Fazit

Der Mittelspannungs-Netzanschluss bleibt einer der sensibelsten Punkte beim Ausbau der Schnellladeinfrastruktur. Lange Prüfzeiten, unterschiedliche Anforderungen und komplexe Schutztechnik bremsen viele Projekte. Eine stärkere Standardisierung durch den BDEW kann hier spürbar helfen, wenn Antragsunterlagen, technische Mindestanforderungen und Inbetriebnahmeprozesse klarer definiert sind.

Für dich als Betreiber oder Planer heißt das vor allem mehr Planbarkeit. Schnellere Genehmigungen, weniger Nachforderungen und klar geregelte Zuständigkeiten können Projekte verkürzen und das Risiko von Ausfällen senken. Entscheidend wird sein, wie konsequent diese Standards umgesetzt und von Netzbetreibern übernommen werden.

Diskutiere mit: Sind einheitliche Standards der Schlüssel für schnellere Ladeparks oder braucht es zusätzlich neue gesetzliche Fristen?

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