Ladepreise: Könnte ein Urteil deine Kosten an der Säule senken?

Wer öffentlich lädt, kennt das Problem: Du steckst an, und erst später merkst du, dass der Preis deutlich höher ist als erwartet. Genau an dieser Stelle kommen Ladepreise und mögliche diskriminierende Ladepreise ins Spiel: Wenn derselbe Strom an derselben Ladesäule je nach Zahlungsweg oder App spürbar unterschiedlich teuer ist, wirkt das für viele unfair. Eine Verhandlung am OLG München, über die electrive berichtet, rückt diese Frage in den Fokus. Dieser Artikel erklärt dir ohne Juristen-Deutsch, was „Diskriminierung“ beim Laden im Alltag bedeuten kann, welche Tarif-Fallen besonders teuer werden und welche praktischen Veränderungen ein verbraucherfreundliches Urteil für Betreiber und Fahrer auslösen könnte.

Einleitung

Du fährst elektrisch, findest eine freie Ladesäule, steckst an und willst nur schnell weiter. Genau in diesem Moment entscheidet sich oft, ob Laden ein kalkulierbarer Alltagsvorgang bleibt oder zur Kostenüberraschung wird. Denn an vielen öffentlichen Standorten ist nicht nur der Preis entscheidend, sondern welcher Weg dich zum Laden bringt: spontanes Ad-hoc-Zahlen per Karte oder QR-Code, eine Betreiber-App, ein Ladetarif deines Autoherstellers oder Roaming über einen Mobilitätsanbieter. Für dich als Fahrer fühlt es sich dann schnell so an, als gäbe es am selben Ort mehrere „Kassen“ mit sehr unterschiedlichen Preisen.

Genau diese Alltagserfahrung steckt hinter dem Vorwurf „diskriminierende Ladepreise“: Nicht, weil jemand dich persönlich benachteiligen will, sondern weil Preislogik, Verträge im Hintergrund und Aufschläge zwischen Anbietern so zusammenwirken können, dass du deutlich mehr bezahlst als andere. In Deutschland wird das zusätzlich spannend, weil EU-Regeln wie die AFIR (Alternative Fuels Infrastructure Regulation) klare Ziele setzen: Transparenz, Vergleichbarkeit und Nichtdiskriminierung bei öffentlich zugänglichen Ladepunkten.

Wenn jetzt ein Verfahren am OLG München solche Mechanismen gerichtlich beleuchtet, ist das nicht nur „Jurakram“. Es kann indirekt mitentscheiden, ob Preisunterschiede besser begründet und klarer angezeigt werden müssen – und ob bestimmte Aufschlagsmodelle unter Druck geraten. Wichtig: Eine Verhandlung ist noch kein Urteil. Aber sie zeigt, welche Fragen im Markt dringend geklärt werden müssen.

Was „diskriminierende Ladepreise“ im Alltag bedeuten

„Diskriminierend“ klingt nach großer Keule, im Lade-Alltag ist es oft viel banaler. Gemeint ist typischerweise: Du bekommst für dieselbe Leistung (Strom an einem öffentlich zugänglichen Ladepunkt) nicht denselben Preis wie jemand anderes – und der Unterschied wirkt nicht nachvollziehbar. Das kann verschiedene Formen annehmen. Eine häufige Konstellation ist Ad-hoc versus Vertrag: Ad-hoc bedeutet laut AFIR, dass du laden kannst, ohne dich vorher zu registrieren oder einen Vertrag zu schließen. Praktisch ist das zum Beispiel Kartenzahlung oder eine QR-Webseite. Vertragsladen läuft dagegen über App, Ladekarte oder ein Kundenkonto.

Eine zweite Form ist Roaming. Dabei nutzt du einen Tarif eines Mobilitätsdienstleisters (oft „MSP“ für Mobility Service Provider genannt), der dir Zugang zu vielen Betreibern ermöglicht. Im Hintergrund werden dann Preise zwischen Betreiber und MSP abgerechnet, und du siehst am Ende den Endkundenpreis deines Tarifs. Dieser Weg ist bequem, aber er kann auch Aufschläge enthalten, die du vor Ort nicht sofort erkennst.

Sinngemäß verfolgt die EU mit der AFIR das Ziel, dass Preise an öffentlich zugänglichen Ladepunkten transparent, vergleichbar und nichtdiskriminierend sind.

Ein Alltagsbeispiel: Zwei Fahrer laden nacheinander an derselben Säule. Person A zahlt spontan Ad-hoc, Person B über eine App mit Vertrag. Wenn A für die Kilowattstunde deutlich mehr zahlt als B, empfinden viele das als unfair – vor allem dann, wenn vor Start nicht klar wird, warum die Differenz existiert oder wie groß sie wird. Genau hier liegt der Unterschied zwischen „unterschiedlichen Tarifen“ (die es im Markt geben darf) und dem Vorwurf der „Diskriminierung“: Der Streit entzündet sich an der Frage, ob Unterschiede objektiv begründbar, verhältnismäßig und für Verbraucher klar erkennbar sind.

Preisbausteine, die beim öffentlichen Laden besonders oft für Überraschungen sorgen
Merkmal Beschreibung Wert
Ad-hoc-Preis Preis bei spontanem Laden ohne Registrierung oder Vertrag (z. B. Karte/QR). Typisch als €/kWh, ggf. plus klar ausgewiesene Zeitkomponente
Vertragspreis (App/Ladekarte) Preis im Betreiber- oder MSP-Tarif, oft mit eigenen Konditionen. Kann pro kWh günstiger wirken, aber abhängig von Tarifregeln
Roaming-Aufschlag Zusätzliche Kosten, die durch Vermittlung/Abrechnung zwischen MSP und Betreiber entstehen können. Manchmal als höherer €/kWh-Preis oder zusätzliche Gebühren sichtbar
Start-/Sitzungsgebühr Fixer Betrag pro Ladevorgang, unabhängig von der geladenen Energiemenge. € pro Session
Blockiergebühr Zeitgebühr, um langes Stehen am Stecker zu vermeiden, oft nach Ladeende. € pro Minute (Zeitkomponente)

Was die Verhandlung am OLG München praktisch heißt

Ladepreise werden in Deutschland nicht nur politisch diskutiert, sondern auch vor Gericht. Nach einem Bericht von electrive wird am OLG München eine Klage verhandelt, in der es um den Vorwurf diskriminierender Ladepreise geht. Genannt werden dabei als beteiligte Unternehmen Digital Charging Solutions (als Mobilitätsdienstleister) und EWE Go (als Ladepunktbetreiber). Für dich als Fahrer ist vor allem interessant, welche Fragen so ein Verfahren typischerweise klärt – unabhängig davon, wie es am Ende ausgeht.

In der Berichterstattung werden konkrete Preisunterschiede als Beispiel genannt: Ein Ad-hoc-Preis von etwa 0,79 €/kWh, später 0,84 €/kWh, im Vergleich zu einem in der App beworbenen Preis von 0,52 €/kWh. Solche Angaben sind zunächst Vortrags- und Streitstoff, keine gerichtlich festgestellten Tatsachen. Aber sie zeigen das Muster, das viele Fahrer kennen: Der sichtbare Preis hängt stark davon ab, über welchen Zugang du lädst.

Warum ist das juristisch überhaupt relevant? Die AFIR ist hier der zentrale Rahmen auf EU-Ebene. Sie definiert Ad-hoc-Laden als Laden ohne Registrierung/Vertrag und enthält Vorgaben, dass Preise an öffentlich zugänglichen Ladepunkten transparent, vergleichbar und nichtdiskriminierend sein sollen. Außerdem verlangt die AFIR Daten- und Schnittstellenpflichten: Betreiber sollen statische und dynamische Informationen per API bereitstellen und an nationale Zugangspunkte melden. Das Ziel ist, dass Preise nicht nur irgendwo in AGB stehen, sondern im Alltag auffindbar und vergleichbar werden.

Praktisch heißt eine Verhandlung am OLG: Das Gericht hört Argumente, prüft die Rechtslage und bewertet, ob der Vorwurf „Diskriminierung“ im konkreten Fall trägt. In einem solchen Streit kann es zum Beispiel um diese Punkte gehen:

  • Welche Vergleichsgruppe zählt? Wird Ad-hoc mit Vertrag verglichen, oder werden Endkunden- und MSP-Konditionen betrachtet?
  • Welche Unterschiede sind objektiv begründbar? Etwa durch Zahlungsabwicklung, Servicekosten oder andere klar benennbare Faktoren.
  • Was muss vor Ladebeginn klar sein? Also welche Preisbestandteile du sehen musst, bevor du einsteckst oder bezahlst.
  • Wie werden Preise und Daten nachweisbar? Streitigkeiten entscheiden sich oft daran, ob Tarife, Abrechnungen und Messdaten sauber dokumentiert und nachvollziehbar sind.

Wichtig für deine Erwartung: Auch ein verbraucherfreundlicher Ausgang würde nicht automatisch bedeuten, dass jede Säule plötzlich „billig“ wird. Es geht eher darum, wie Preisunterschiede zustande kommen dürfen, wie klar sie begründet werden müssen und ob bestimmte Formen von Aufschlägen als unzulässig oder nur unter Bedingungen akzeptabel gelten.

Die teuersten Tarif-Fallen und wie du sie erkennst

Die meisten Preisfallen beim Laden sind nicht „versteckt“ im Sinne von geheim, sondern schlecht vergleichbar. Du siehst einen kWh-Preis, aber die Gesamtkosten entstehen aus mehreren Bausteinen. Genau deshalb lohnt sich ein kurzer Preis-Check, bevor du dich festlegst – besonders an Schnellladern, wo die Beträge pro Session schnell spürbar werden.

1) Ad-hoc vs. Vertrag: der Klassiker. Ad-hoc ist bequem, aber kann teurer sein. Der electrive-Bericht zeigt das anhand der genannten Werte (0,79/0,84 €/kWh gegenüber 0,52 €/kWh). Für dich heißt das: Wenn du öfter öffentlich lädst, kann ein Tarif sinnvoll sein. Wenn du selten lädst, kann Ad-hoc trotzdem passend sein – aber nur, wenn du vorher den Preis wirklich siehst.

2) Roaming-Aufschläge und App-Ketten. In der Praxis gibt es oft mehr als eine App-Schicht: Betreiber-App, Hersteller-Tarif, Roaming-Anbieter. Jeder Schritt kann den Preis verändern. Das ist nicht automatisch unfair, aber es ist für dich schwer, „den“ Standortpreis zu erkennen. Ein Hinweis ist, wenn dir in der App kein klarer kWh-Preis für genau diesen Ladepunkt angezeigt wird oder wenn statt eines Endpreises nur „ab“-Angaben auftauchen.

3) kWh-Preis allein reicht nicht. Achte darauf, ob zusätzlich eine Start-/Sitzungsgebühr anfällt. Gerade bei kurzen Ladestopps kann ein fixer Betrag pro Ladevorgang die effektiven Kosten stark erhöhen. Wenn du nur ein paar Kilowattstunden nachlädst, ist ein niedriger kWh-Preis weniger wert, wenn die Session-Gebühr hoch ist.

4) Blockiergebühren sind sinnvoll, aber können teuer werden. Eine Blockiergebühr soll verhindern, dass ein Auto nach Ladeende lange stehen bleibt. Die AFIR lässt bei bestimmten Konstellationen ausdrücklich eine Zeitkomponente als Blockiergebühr zu, fordert aber Transparenz vor Start. Für dich ist das ein einfacher Merksatz: Wenn du nicht sicher bist, ob du rechtzeitig zurück am Auto bist, wähle lieber einen Tarif ohne harte Zeitstrafen oder plane eine Benachrichtigung/Wecker ein.

5) Abo-Logik und Mindestbedingungen. Manche Tarife wirken günstig, rechnen sich aber erst ab einer bestimmten Nutzung oder setzen ein Abo voraus. Das ist nicht per se schlecht. Es wird zur Falle, wenn du das Abo nur wegen eines „Notfall-Ladens“ abschließt oder wenn Kündigungsfristen und Mindestlaufzeiten unklar sind. Prüfe daher vor dem Abschluss, ob es Mindestlaufzeiten gibt und ob der Preis an allen relevanten Netzen gilt oder nur bei einzelnen Betreibern.

Ein praxistauglicher Check vor dem Laden, der meist weniger als eine Minute dauert:

  • Ist der Preis vor Start klar? Mindestens: €/kWh und alle Zusatzgebühren.
  • Gilt der Preis für genau diesen Ladepunkt? Nicht nur für „das Netz“ allgemein.
  • Gibt es Zeitkosten? Blockiergebühr, Minutenpreis oder andere Zeitkomponenten.
  • Was passiert beim Roaming? Wird dir ein Endpreis angezeigt oder nur eine Tarifbeschreibung?
  • Kannst du einen Beleg speichern? Screenshot der Preisanzeige und später die Rechnung/Quittung.

Damit reduzierst du das Risiko, in eine Tarif-Falle zu laufen – selbst wenn die Marktlogik im Hintergrund komplex bleibt.

Welche Änderungen ein Urteil auslösen könnte

Ein einzelnes Verfahren kann den Markt nicht über Nacht umbauen. Aber es kann Signale setzen: Welche Preisdifferenzen gelten als begründbar, welche Anforderungen an Transparenz werden ernst genommen, und welche Daten- und Nachweispflichten müssen Betreiber und Mobilitätsdienstleister im Streitfall erfüllen. Genau dort liegt der mögliche Alltagsnutzen für dich.

1) Mehr Druck auf klare Vorab-Preise. Wenn Gerichte detailliert prüfen, ob Preisunterschiede Verbraucher benachteiligen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Betreiber Preisinformationen noch konsequenter vor Ladebeginn anzeigen. Die AFIR geht ohnehin in diese Richtung, indem sie Transparenz und Datenbereitstellung über nationale Zugangspunkte verlangt. Ein Verfahren kann diese Anforderungen in der Praxis „schärfen“, weil konkrete Streitfälle zeigen, wo Informationen fehlen oder missverständlich sind.

2) Weniger Spielraum für schwer erklärbare Aufschläge. Ein Urteil könnte – je nach Argumentation – die Erwartungen an „objektive“ Rechtfertigungen präzisieren. Das heißt nicht, dass es keine Tarifunterschiede mehr geben darf. Es könnte aber bedeuten, dass große Differenzen zwischen Ad-hoc und Vertrag stärker begründet und sauber kommuniziert werden müssen, statt nur als „Tariflogik“ im Hintergrund zu laufen.

3) Bessere Vergleichbarkeit über Daten. Die AFIR verpflichtet zur Bereitstellung statischer und dynamischer Daten per Schnittstelle und zur Meldung an nationale Zugangspunkte. Wenn diese Datenqualität steigt, können Preisvergleichsdienste und Apps (egal ob von Betreibern, MSPs oder Dritten) verlässlicher anzeigen, was dich wirklich erwartet. Für dich ist das der praktische Hebel: weniger Raten, mehr Wissen vor dem Anstecken.

4) Klare Rollen zwischen Betreiber und Mobilitätsdienstleister. Viele Preisprobleme entstehen an Übergängen: Betreiber liefert Strom und misst, MSP stellt Zugang und Rechnung. Ein Streit über diskriminierende Ladepreise zwingt dazu, sauber zu trennen: Wer legt welchen Preisbestandteil fest, wer trägt welche Kosten, und wer muss welche Information wann liefern? Wenn diese Rollen klarer werden, sinkt die Wahrscheinlichkeit von „Schwarzer-Peter“-Situationen, in denen du als Nutzer am Ende nur die Rechnung siehst, aber nicht die Ursache verstehst.

Realistisch ist also weniger ein „Preisdeckel“ durch die Hintertür, sondern ein Schub in Richtung Transparenz, nachvollziehbarer Begründungen und besserer Vergleichbarkeit. Und genau das kann langfristig auch auf die Höhe der Ladepreise wirken, weil Vergleichbarkeit Wettbewerb einfacher macht.

Fazit

Öffentliches Laden wird erst dann wirklich alltagstauglich, wenn du vor dem Start zuverlässig weißt, was es kostet – und wenn Preisunterschiede zumindest nachvollziehbar sind. Der Vorwurf „diskriminierende Ladepreise“ zielt deshalb nicht auf einzelne Fahrer, sondern auf ein System aus Ad-hoc-Tarifen, Vertragsmodellen und Roaming-Aufschlägen, das oft zu schwer vergleichbaren Endpreisen führt. Die Verhandlung am OLG München, über die electrive berichtet, macht sichtbar, wie groß solche Differenzen im Streitfall sein können und welche Fragen Gerichte dazu klären müssen. Parallel setzt die AFIR auf EU-Ebene Leitplanken für Transparenz, Datenverfügbarkeit und Nichtdiskriminierung. Für dich bleibt der beste Schutz bis zu klareren Marktregeln: Vorab-Preis prüfen, Zusatzgebühren verstehen, Roaming bewusst einsetzen und Belege sichern.

Hast du beim Laden schon eine unerwartete Preislogik erlebt? Teile deine Erfahrung (ohne persönliche Daten) und gib anderen Fahrern damit Orientierung.

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