Die Sprengung des Schornsteins am Kraftwerk Ibbenbüren wirkt wie ein sichtbares Zeichen für den Rückbau konventioneller Erzeugung. Doch was bedeutet das konkret für dein Stromnetz und die Netzentgelte? Dieser Artikel erklärt, wie der Wegfall von rund 700 Megawatt Leistung regionale Engpässe beeinflussen kann, welche Rolle Netzreserve und Redispatch spielen und über welche Mechanismen sich daraus Kosten für Haushalte und Industrie ergeben.
Einleitung
Wenn ein großes Kraftwerk verschwindet, fragst du dich vielleicht, ob das Licht zuverlässig anbleibt und ob deine Stromrechnung steigt. Genau diese Fragen tauchen nach dem Rückbau des Kraftwerks Ibbenbüren auf. Der Standort speiste früher mehrere hundert Megawatt ins Netz ein. Fällt diese Leistung weg, verändert sich der Stromfluss in Leitungen und Umspannwerken der Region.
Für dich als Haushalt oder als Unternehmen zählt am Ende zweierlei: Versorgungssicherheit und Kosten. Beides hängt nicht nur von der erzeugten Energiemenge ab, sondern davon, ob Strom zur richtigen Zeit am richtigen Ort verfügbar ist. Hier kommen Begriffe wie Redispatch oder Netzreserve ins Spiel. Sie klingen technisch, betreffen aber direkt die Netzentgelte, die einen festen Bestandteil deines Strompreises ausmachen.
Welche Rolle spielte der Standort fürs Stromnetz?
Das Kraftwerk Ibbenbüren hatte eine elektrische Leistung von rund 700 Megawatt. Diese Größenordnung entspricht in etwa dem Bedarf einer Großstadt. Entscheidend war jedoch nicht nur die Menge, sondern der Standort im Netzgebiet des Übertragungsnetzbetreibers Amprion.
Große Kraftwerke stabilisieren lokale Netzknoten. Sie speisen Leistung ein, entlasten Leitungen aus anderen Regionen und tragen zur Spannungs- und Frequenzhaltung bei. Fällt eine solche Anlage weg, ändern sich Lastflüsse. Strom muss verstärkt aus anderen Teilen Deutschlands oder aus dem Ausland herangeführt werden. Das kann Leitungen stärker auslasten.
Ob daraus ein reales Risiko entsteht, prüfen Netzbetreiber mit sogenannten N-1-Analysen. Dabei wird simuliert, ob das Netz auch dann stabil bleibt, wenn zusätzlich eine Leitung oder ein Transformator ausfällt. Wenn ohne das Kraftwerk Engpässe wahrscheinlicher werden, müssen Gegenmaßnahmen organisiert werden.
Wichtig ist: Der Rückbau bedeutet nicht automatisch eine Unterversorgung. Deutschland verfügt laut Bundesnetzagentur über Instrumente wie Netzreserve und Kapazitätsmechanismen, um die Systemsicherheit auch bei Stilllegungen zu gewährleisten. Dennoch verschiebt sich die Belastung im Netz, und das kann operative Eingriffe häufiger machen.
Redispatch, Netzreserve und Versorgungssicherheit
Wenn Leitungen an ihre Grenzen stoßen, greifen Netzbetreiber zum Redispatch. Das bedeutet, dass Kraftwerke in einer Region ihre Einspeisung reduzieren und andere Anlagen an einem netzverträglicheren Ort mehr produzieren. Dieser Eingriff erfolgt unabhängig vom Strombörsenpreis und wird nach klaren Regeln der Bundesnetzagentur abgewickelt.
Mit dem Wegfall von 700 Megawatt in Ibbenbüren kann sich der Bedarf an solchen Eingriffen erhöhen, wenn alternative Erzeugung weiter entfernt liegt. Die Kosten für Redispatch entstehen durch Ausgleichszahlungen an Betreiber, deren Fahrweise geändert wird. Sie werden über die Netzentgelte umgelegt.
Hinzu kommt die Netzreserve. Laut Bundesnetzagentur werden dafür Kraftwerke vertraglich vorgehalten, die bei Engpässen einspringen können. Für diese Bereitstellung fallen jährliche Vergütungen an, unabhängig davon, wie oft sie tatsächlich laufen. In Beschaffungsverfahren werden entsprechende Kapazitäten ausgeschrieben und vergütet.
Für die Versorgungssicherheit heißt das: Selbst wenn lokale Erzeugung wegfällt, existieren Sicherungsmechanismen. Das Risiko eines flächendeckenden Stromausfalls steigt dadurch nicht automatisch. Allerdings kann der operative Aufwand steigen, und dieser Aufwand hat einen Preis.
Wie wirken sich Mehrkosten auf Netzentgelte aus?
Netzentgelte decken die Kosten für Betrieb, Instandhaltung und Ausbau der Stromnetze sowie systemstabilisierende Maßnahmen. Wenn durch eine Stilllegung mehr Redispatch oder zusätzliche Reservekapazitäten nötig werden, fließen diese Aufwendungen in die Kalkulation ein.
Die Bundesnetzagentur legt fest, wie Netzbetreiber ihre Kosten ansetzen dürfen. Regionale Unterschiede sind möglich, weil Netzausbau und Engpässe nicht überall gleich stark ausgeprägt sind. Das bedeutet, dass sich Veränderungen rund um Ibbenbüren vor allem im betroffenen Netzgebiet niederschlagen können.
Für Industriebetriebe mit hohem Verbrauch wirken selbst kleine Veränderungen spürbar. Ein Stahlwerk oder ein großer Chemiebetrieb zahlt Netzentgelte auf jede verbrauchte Kilowattstunde. Steigen die zugelassenen Kosten der Netzbetreiber, erhöht sich dieser Anteil am Strompreis. Haushalte merken es in der monatlichen Abschlagszahlung, oft ohne genau zu sehen, welcher Posten dahintersteht.
Wie stark der Effekt ausfällt, hängt von mehreren Faktoren ab. Entscheidend sind der tatsächliche Umfang zusätzlicher Eingriffe, der Fortschritt beim Netzausbau und der Zubau neuer Erzeugung in der Region. Pauschale Aussagen zu konkreten Euro-Beträgen sind ohne detaillierte Abrechnungsdaten nicht seriös.
Woran du in den nächsten 6–18 Monaten Engpässe erkennst
Ob es enger oder teurer wird, zeigt sich nicht an einzelnen Schlagzeilen, sondern an Kennzahlen. Ein Indikator sind veröffentlichte Redispatch-Mengen der Übertragungsnetzbetreiber. Steigen diese im betroffenen Netzgebiet deutlich an, deutet das auf häufigere Eingriffe hin.
Auch Netzentgeltankündigungen geben Hinweise. Netzbetreiber veröffentlichen jährlich ihre vorläufigen Entgelte für das Folgejahr. Wenn dort höhere Kosten mit gestiegenem Redispatch- oder Reservebedarf begründet werden, lässt sich ein Zusammenhang herstellen.
Für Haushalte mit Wärmepumpe oder E-Auto kann zusätzlich relevant sein, ob regionale Netzbetreiber flexible Tarife oder steuerbare Verbrauchseinrichtungen stärker einsetzen. Solche Instrumente helfen, Lastspitzen zu glätten und Engpässe zu vermeiden.
Parallel läuft der Netzausbau weiter. Neue Leitungen oder verstärkte Umspannwerke können Engpässe entschärfen. In Genehmigungs- und Bauphasen zeigt sich, wie schnell Ersatz für wegfallende Erzeugung geschaffen wird. Diese Infrastruktur entscheidet am Ende darüber, ob Mehrkosten nur vorübergehend anfallen oder länger bleiben.
Fazit
Der Rückbau des Kraftwerks Ibbenbüren verändert die Stromflüsse im regionalen Netz. Die Versorgungssicherheit bleibt durch Netzreserve und Redispatch abgesichert, doch der operative Aufwand kann steigen. Diese zusätzlichen Eingriffe fließen über die Netzentgelte in den Strompreis ein, besonders im betroffenen Netzgebiet.
Ob du davon spürbar betroffen bist, hängt vom Zusammenspiel aus Netzausbau, regionaler Erzeugung und tatsächlichem Engpassmanagement ab. Ein genauer Blick auf veröffentlichte Redispatch-Daten und Netzentgeltankündigungen lohnt sich, wenn du Entwicklungen früh erkennen willst.





