EU-Strommix: Wie Wind und Solar Fossile überholen – und was das ändert

Der EU-Strommix hat sich in wenigen Jahren spürbar verschoben. Wind- und Solarenergie liefern inzwischen zusammen rund ein gutes Viertel des Stroms, während fossile Kraftwerke seltener laufen. Das bleibt nicht ohne Folgen für Preise, Netze und Industrie, auch wenn Strom aus Gas und Kohle nicht von heute auf morgen verschwindet. Wer verstehen will, warum fossiler Strom in Europa gerade jetzt sinkt, muss auf drei Dinge schauen: mehr Erneuerbare, veränderten Verbrauch und ein System, das Flexibilität plötzlich wertvoll macht.

Einleitung

Wer sein Smartphone nachts lädt oder tagsüber im Homeoffice arbeitet, denkt selten darüber nach, welche Kraftwerke gerade laufen. Trotzdem hängt vieles davon ab, wie der Strom in einem Moment erzeugt wird. Er entscheidet mit über Preise, über die Sicherheit der Versorgung und darüber, wie gut neue Industrien wie Rechenzentren oder Wärmepumpen in ein Land passen.

In Europa fällt seit einiger Zeit etwas auf. Wind- und Solaranlagen liefern so viel Strom, dass sie fossile Kraftwerke immer häufiger verdrängen. Das klingt nach einem einfachen Sieg der Erneuerbaren. In der Praxis ist es komplizierter, weil Strom nicht gut lagerbar ist und weil nicht überall im selben Tempo ausgebaut wird. Zudem kann ein Jahr mit viel Wind oder guter Wasserkraft die Statistik stark bewegen.

Der spannende Teil ist, was sich daraus ableitet. Wenn Wind und Solar öfter zuerst ins Netz kommen, ändern sich die Rollen. Fossile Anlagen werden eher zur Reserve, das Netz wird stärker zu einer Art Logistiksystem, und flexible Verbraucher gewinnen an Bedeutung. Genau diese Verschiebung prägt Wirtschaft und Politik, weit über den Energiesektor hinaus.

Was sich im Strommix wirklich verschiebt

Ein Strommix ist im Grunde eine Prozentaufteilung. Er zeigt, welche Quellen den Strom liefern, den wir nutzen. Wichtig ist dabei eine kleine, aber entscheidende Unterscheidung. Manche Statistiken beschreiben die Erzeugung, andere den Verbrauch inklusive Importen und Exporten. Für den Alltag ist beides relevant, für Vergleiche muss man nur wissen, welche Zählweise gerade gemeint ist.

Für die EU zeigen große Datensammlungen und Auswertungen seit 2023 einen klaren Trend. Wind und Solar zusammen liegen bei rund 27 Prozent der Stromerzeugung. Wind macht etwa 18 Prozent aus, Solar etwa 9 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil fossiler Stromerzeugung auf rund ein Drittel gefallen. Diese Größenordnung wird sowohl von unabhängigen Analysen als auch von amtlichen Statistikrahmen gestützt, auch wenn Prozentwerte je nach Methode leicht abweichen können.

Entscheidend ist nicht nur, dass mehr erneuerbarer Strom erzeugt wird. Entscheidend ist, dass er in vielen Stunden des Jahres den Bedarf so weit deckt, dass fossile Kraftwerke weniger laufen müssen.

Das erklärt auch, warum die Schlagzeile „Wind und Solar überholen Fossile“ mehr ist als Symbolik. Im Stromsystem zählt die Reihenfolge. Wind- und Solaranlagen haben sehr geringe laufende Kosten, weil kein Brennstoff gekauft werden muss. An der Strombörse werden sie daher oft zuerst eingeplant. Fossile Kraftwerke rutschen nach hinten und springen vor allem dann ein, wenn wenig Wind weht, die Sonne nicht scheint oder der Verbrauch besonders hoch ist.

Wenn Zahlen in Stichworten klarer sind, hilft eine kleine Orientierung. Sie zeigt keine exakte Momentaufnahme für jedes Land, sondern die Größenordnung für die EU als Ganzes.

Merkmal Beschreibung Wert
Wind und Solar Anteil an der EU Stromerzeugung rund 27 Prozent im Jahr 2023
Erneuerbare gesamt Anteil an der EU Stromerzeugung rund 44 Prozent im Jahr 2023
Fossile Erzeugung Anteil an der EU Stromerzeugung rund 33 Prozent im Jahr 2023
Erneuerbare 2024 vorläufiger Anteil am EU Stromverbrauch knapp 50 Prozent im Jahr 2024

EU-Strommix und der Rückgang fossiler Energie, drei Treiber

Die Frage „Warum sinkt fossiler Strom in Europa gerade jetzt“ hat selten nur eine Antwort. In vielen Diskussionen wirkt es, als sei allein der Ausbau neuer Windräder und Solarmodule verantwortlich. Das ist ein großer Teil der Geschichte, aber nicht der ganze.

Erstens wächst die Erzeugung aus Wind und Solar schnell genug, um in immer mehr Stunden des Jahres fossile Kraftwerke zu verdrängen. In den Daten für 2023 ist das sichtbar, weil Wind und Solar zusammen auf rund 27 Prozent kommen. Selbst wenn der Zubau in einzelnen Ländern stockt, reicht die Summe in der EU, um spürbare Effekte zu erzeugen.

Zweitens hat sich der Stromverbrauch verändert. In manchen Jahren sinkt der Verbrauch, weil Industrie weniger produziert, weil Effizienz steigt oder weil Verbraucher auf höhere Preise reagieren. Für das Stromsystem ist das wie eine zusätzliche Quelle. Weniger Bedarf bedeutet, dass weniger Erzeugung nötig ist, und die Anlagen mit höheren laufenden Kosten werden eher aus dem Markt gedrängt. Unabhängige Auswertungen für 2023 sehen den Nachfrageeffekt als einen der wichtigsten Gründe dafür, dass fossile Erzeugung deutlich zurückging.

Drittens gibt es den Wetterfaktor, der oft unterschätzt wird. Wasserkraft kann nach einem trockenen Jahr wieder stärker liefern, Windjahre fallen unterschiedlich aus, und die Sonneneinstrahlung schwankt. Solche Effekte sind nicht bloß Randrauschen, sie können in einem einzelnen Jahr mehrere Prozentpunkte im Mix verschieben. Darum lohnt sich ein nüchterner Blick auf mehrere Jahre statt auf eine einzelne Rekordmeldung.

Für Politik und Wirtschaft entsteht daraus eine paradoxe Lage. Einerseits ist der Trend robust, weil Wind und Solar strukturell günstiger werden und weil neue Kapazitäten dazu kommen. Andererseits bleiben einzelne Jahre schwer vorhersehbar. Wer Investitionen plant, braucht deshalb nicht nur den Mix, sondern auch die Frage, wie flexibel das System auf schlechte Windphasen oder kalte Winterabende reagiert.

Was du im Alltag und auf der Stromrechnung indirekt merkst

Viele Auswirkungen des neuen Strommix spürt man nicht direkt, aber sie wirken im Hintergrund. Ein Beispiel ist der Strompreis an der Börse. Der entsteht stündlich. Wenn viel Wind- und Solarstrom verfügbar ist, sinkt der Börsenpreis oft, weil diese Anlagen mit niedrigen Betriebskosten anbieten. Das heißt nicht automatisch, dass die Haushaltsrechnung sofort fällt, weil Netzgebühren, Steuern und langfristige Verträge ebenfalls eine Rolle spielen. Aber es erklärt, warum die Preisschwankungen im Tagesverlauf wichtiger werden.

Damit rückt ein Begriff in den Mittelpunkt, der sonst nur in Fachdebatten auftaucht. Flexibilität bedeutet die Fähigkeit, Verbrauch und Erzeugung schnell anzupassen. Ein Batteriespeicher ist flexibel, weil er Strom aufnehmen oder abgeben kann. Ein Elektroauto ist potenziell flexibel, weil sein Ladevorgang verschoben werden kann. Auch Industrieanlagen können flexibel sein, wenn Prozesse zeitlich verlagert werden, ohne dass die Produktion leidet.

Im Alltag zeigt sich das zunehmend in Tarifen und Technik. Intelligente Stromzähler können Preise zeitabhängig abbilden. Wärmepumpen, Wallboxen und Heimspeicher lassen sich so steuern, dass sie eher dann Strom nutzen, wenn im Netz viel erneuerbarer Strom ankommt. Für manche Haushalte wird das finanziell interessant, für andere bleibt es vorerst eine Komfortfrage.

Für Unternehmen geht es um mehr als nur Kosten. Wer große Lasten betreibt, etwa Kühlung, Logistik oder Rechenleistung, achtet stärker darauf, wann Strom günstig und verfügbar ist. Gleichzeitig wird die Versorgungssicherheit neu gedacht. Sie hängt weniger davon ab, ob ein einzelnes Kraftwerk ausfällt, und stärker davon, ob Netze, Reserven und Speicher eine breite Wetterlage abfedern können.

Ein Nebeneffekt ist gesellschaftlich spürbar. Die Diskussion verschiebt sich vom reinen Ausbau hin zur Frage, wie gut wir Strom transportieren und ausgleichen können. Denn Wind und Solar entstehen nicht dort, wo immer verbraucht wird. Das macht Netze, Interkonnektoren zwischen Ländern und digitale Steuerung zu einem zentralen Infrastrukturthema.

Was jetzt zählt, Netze, Speicher und verlässliche Reserve

Wenn Wind und Solar Fossile überholen, entsteht ein neues Hauptproblem. Nicht mehr die reine Strommenge steht im Vordergrund, sondern die Verfügbarkeit zur richtigen Zeit. Ein sonniger Mittag ist für das System etwas anderes als ein windstiller Winterabend. Beides muss funktionieren, sonst wirkt der Mix in der Statistik besser als im Alltag.

Netze werden damit zum Flaschenhals. Sie verbinden Erzeugung und Verbrauch und sie gleichen regionale Schwankungen aus. Wenn Leitungen fehlen oder überlastet sind, müssen Betreiber Erzeugung abregeln, obwohl eigentlich genug Strom vorhanden wäre. Das ist nicht nur ineffizient, es erhöht auch die Kosten, die am Ende alle tragen. Der Netzausbau ist deshalb weniger glamourös als ein neues Windrad, aber oft genauso entscheidend.

Der zweite Baustein sind Speicher und andere Flexibilitätsoptionen. Kurzfristig übernehmen Batterien eine wachsende Rolle, weil sie schnell reagieren können. Für längere Zeiträume kommen weitere Lösungen ins Spiel, etwa Pumpspeicher, flexible Industrie oder die Umwandlung von Strom in andere Energieträger. Nicht jede Option ist für jedes Land gleich geeignet, aber das Prinzip bleibt gleich. Je mehr Erneuerbare, desto wertvoller wird eine Reserve, die nicht auf Dauerbetrieb ausgelegt ist, sondern auf gezielte Stunden.

Drittens verändert sich die Rolle klassischer Kraftwerke. In einem System mit viel Wind und Solar laufen fossile Anlagen weniger Stunden, werden aber als Reserve in manchen Situationen weiterhin gebraucht. Das ist politisch und wirtschaftlich heikel, weil eine Anlage Kosten verursacht, auch wenn sie selten läuft. Deshalb wird in Europa intensiver über Kapazitätsmechanismen diskutiert. Gemeint sind Regeln, die nicht nur produzierte Kilowattstunden bezahlen, sondern auch die Bereitschaft, im Notfall Leistung bereitzustellen.

Der Ausblick ist damit weniger eine Frage nach dem einen großen Schalter. Er ist eine Frage nach vielen kleinen, gut abgestimmten Bausteinen. Eurostat meldet für 2024 vorläufig, dass erneuerbarer Strom in der EU an die Marke von knapp 50 Prozent heranrückt. Das erhöht den Druck, Netze, Speicher und Marktregeln so zu entwickeln, dass diese Anteile auch in schwierigen Wetterphasen tragen.

Ein Teil des Rahmens ist schon länger gesetzt. Programme wie REPowerEU formulieren Ausbauziele und beschleunigte Verfahren. Ein Factsheet dazu ist von 2022 und damit älter als zwei Jahre, bleibt aber als politischer Referenzpunkt relevant, weil die Grundrichtung weiterhin gilt. Ob die Umsetzung gelingt, entscheidet sich weniger in Absichtserklärungen, sondern in Genehmigungen, Lieferketten, Fachkräften und in der Geschwindigkeit, mit der Infrastruktur gebaut wird.

Fazit

Dass Wind und Solar im EU-Strommix fossile Kraftwerke überholen, ist kein einzelner Rekord, sondern ein Systemeffekt. Mehr erneuerbare Erzeugung, veränderter Verbrauch und wetterbedingte Schwankungen drücken fossile Anlagen in eine neue Rolle. Für viele Menschen bleibt das unsichtbar, bis sich Preise, Tarife oder die Diskussion über Netze bemerkbar machen. Für Unternehmen und Politik wird es dagegen zu einer Kernfrage, weil Planungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit daran hängen.

Die wichtigste Konsequenz ist überraschend bodenständig. Es geht weniger um spektakuläre Technologie, sondern um Infrastruktur und Regeln. Netze müssen mehr Strom über größere Distanzen transportieren, Speicher und flexible Verbraucher müssen Schwankungen ausgleichen, und Reserven müssen fair finanziert werden. Gelingt das, wird der wachsende Anteil von Wind und Solar zu einer stabilen Grundlage. Scheitert es, steigt der Druck, teure Notlösungen zu nutzen, obwohl genug saubere Erzeugung vorhanden wäre.

Welche Veränderung im Stromalltag fällt dir am meisten auf, Preise, neue Tarife oder der Ausbau vor Ort? Teile den Artikel gern und diskutiere mit.

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