Elektrifizierung der Industrie: Steigen die Strompreise?

Die Elektrifizierung der Industrie gilt als Schlüssel für eine klimafreundliche Produktion. Doch sie verändert auch den Strommarkt. Wenn Fabriken von Gas auf Strom umstellen, steigt der Bedarf erheblich. Gleichzeitig sind Netze und erneuerbare Erzeugung nicht überall schnell genug ausgebaut. Dieser Artikel zeigt, wie die Elektrifizierung der Industrie über Netzengpässe, Redispatch-Kosten und Netzentgelte auf den Strompreis in Deutschland wirkt – und welche drei Stellschrauben jetzt entscheidend sind, um Kosten und Standortrisiken zu begrenzen.

Einleitung

Ob Stahlwerk, Chemiepark oder Großbäckerei: Immer mehr Industrieunternehmen prüfen, wie sie fossile Prozesse durch elektrische Lösungen ersetzen können. Für viele Betriebe entscheidet sich an dieser Frage, ob sie langfristig wettbewerbsfähig bleiben. Gleichzeitig beobachten Verbraucher und Unternehmen steigende Netzentgelte und volatile Strompreise.

Die zentrale Frage lautet daher: Führt die Elektrifizierung der Industrie zwangsläufig zu höheren Strompreisen in Deutschland? Die Antwort ist komplex. Sie hängt davon ab, wie schnell erneuerbare Energien ausgebaut werden, wie leistungsfähig die Stromnetze sind und wie flexibel Industrie und Netzbetreiber auf Engpässe reagieren können.

Offizielle Monitoringberichte und europäische Regulierungsanalysen zeigen, dass Netzengpässe und sogenannte Redispatch-Maßnahmen bereits heute Milliardenbeträge bewegen. Wenn der Strombedarf der Industrie schneller steigt als Netze und Erzeugungskapazitäten, kann sich dieser Kostendruck verstärken.

Mehr Strombedarf trifft auf begrenzte Netze

Elektrifizierung bedeutet, dass industrielle Prozesse von Gas oder Kohle auf Strom umgestellt werden. Beispiele sind Elektrolichtbogenöfen in der Stahlproduktion oder elektrische Dampferzeuger in der Chemie. Das erhöht den Strombedarf deutlich und verändert Lastprofile.

Das Problem liegt weniger im Jahresverbrauch als in regionalen und zeitlichen Spitzen. Wenn viele Anlagen gleichzeitig hohe Leistungen abrufen, geraten Übertragungs- und Verteilnetze an ihre Grenzen. Netzbetreiber müssen dann eingreifen und Kraftwerke gezielt hoch- oder herunterfahren. Dieses Eingreifen heißt Redispatch.

Laut Monitoringbericht der Bundesnetzagentur lagen die vorläufigen Kosten für Redispatch, Einspeisemanagement und Countertrading im Jahr 2020 in der Größenordnung von rund 1,4 Milliarden Euro.

Diese Quelle ist von 2021 und damit älter als zwei Jahre. Sie zeigt jedoch die Größenordnung, in der sich Engpassmaßnahmen bereits vor der aktuellen Beschleunigung der Elektrifizierung bewegten. Steigt der Strombedarf schneller als der Netzausbau, erhöht sich tendenziell auch der Koordinationsaufwand im System.

Zusammenhang zwischen Elektrifizierung und Netzbelastung
Merkmal Beschreibung Wert
Redispatch-Kosten 2020 Vorläufige Kosten für Engpassmaßnahmen laut Monitoringbericht ca. 1,4 Mrd. €
Kostenwirkung Einfluss auf Netzentgelte und damit Strompreisbestandteile Systemweit umgelegt

Netzentgelte und Strompreis in Deutschland

Der Strompreis in Deutschland setzt sich aus mehreren Bestandteilen zusammen. Neben Beschaffung und Vertrieb spielen Netzentgelte eine zentrale Rolle. Sie finanzieren Betrieb, Wartung und Ausbau der Netzinfrastruktur sowie bestimmte Systemkosten.

Redispatch-Kosten fließen über Umlagen und Netzentgelte in das Gesamtsystem ein. Wenn Engpässe zunehmen oder Netze schneller ausgebaut werden müssen, steigen diese Kostenbestandteile. Europäische Regulierungsberichte von ACER und CEER aus den Jahren 2023 und 2024 betonen, dass viele Länder ihre Tarifstrukturen anpassen, um Investitionen und Flexibilität besser abzubilden.

In Deutschland wird zudem diskutiert, Netzentgelte regional stärker zu differenzieren und Anreize für netzdienliches Verhalten zu setzen. Eine solche Reform kann Kosten gerechter verteilen, ändert jedoch nichts an der physikalischen Realität: Mehr Last bei begrenzter Infrastruktur erhöht kurzfristig den Finanzierungsbedarf.

Für Industrieunternehmen ist entscheidend, wie planbar diese Kosten sind. Wenn Netzentgelte stark schwanken oder neue Umlagen kurzfristig greifen, erschwert das Investitionsentscheidungen in elektrische Anlagen.

Standortrisiko durch Preis- und Planungsunsicherheit

Industrie investiert in Anlagen mit Laufzeiten von 15 bis 30 Jahren. Elektrische Hochtemperaturprozesse oder Elektrolyseure für Wasserstoff erfordern hohe Anfangsinvestitionen. Entscheidend ist daher nicht nur der aktuelle Strompreis, sondern seine erwartbare Entwicklung.

Wenn Unternehmen befürchten, dass Netzentgelte durch Engpässe oder verzögerten Netzausbau steigen, kalkulieren sie einen Risikoaufschlag ein. Das kann Investitionen bremsen oder in andere Regionen lenken. Europäische Vergleichsberichte zu Übertragungsnetzentgelten zeigen, dass Tarifstrukturen und Kostenverteilungen in Europa stark variieren.

Die Elektrifizierung der Industrie wird damit zu einer Standortfrage. Gelingt es, ausreichend erneuerbare Kapazitäten und Netzinfrastruktur bereitzustellen, können zusätzliche Strommengen relativ kosteneffizient integriert werden. Bleibt der Ausbau hinter dem Bedarf zurück, steigt der Druck auf Preise und Versorgungssicherheit.

Versorgungssicherheit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur Blackout-Vermeidung, sondern auch verlässliche Anschlusszusagen und klare Zeitpläne für Netzverstärkungen. Verzögerte Genehmigungen oder fehlende Transformatorleistungen können Projekte um Jahre verschieben.

Drei Stellschrauben gegen die Elektrifizierungslücke

Erstens braucht es schnellere Netzanschlüsse und verkürzte Genehmigungsverfahren. Wenn neue Industrieanlagen oder Windparks Jahre auf Genehmigungen warten, verschärft das Engpässe. Digitale Verfahren, standardisierte Prüfprozesse und klare Fristen können hier Kosten indirekt senken.

Zweitens sind langfristige Stromlieferverträge wie Power Purchase Agreements und geeignete Differenzverträge ein Hebel für Planungssicherheit. Sie stabilisieren Einnahmen für erneuerbare Projekte und geben der Industrie kalkulierbare Stromkosten. Regulierungsberichte betonen, dass transparente Tarifmodelle Investitionen erleichtern.

Drittens müssen Flexibilitätsanreize gestärkt werden. Wenn Industrieprozesse zeitlich verschiebbar sind, können sie Lastspitzen reduzieren. Dynamische Tarife oder leistungsabhängige Entgelte setzen hier Anreize. So lässt sich der Bedarf an teuren Redispatch-Maßnahmen begrenzen.

Diese drei Stellschrauben wirken zusammen. Ohne beschleunigten Ausbau bleibt Flexibilität begrenzt. Ohne Preissignale fehlt der Anreiz zur Anpassung. Und ohne Planungssicherheit stocken Investitionen in neue elektrische Prozesse.

Fazit

Die Elektrifizierung der Industrie führt nicht automatisch zu dauerhaft höheren Strompreisen. Sie erhöht jedoch kurzfristig den Druck auf Netze und Finanzierungssysteme, wenn Ausbau und Nachfrage auseinanderlaufen. Bereits in der Vergangenheit bewegten sich Engpasskosten im Milliardenbereich. Entscheidend ist daher das Tempo beim Ausbau erneuerbarer Energien und der Netzinfrastruktur sowie eine kluge Tarifgestaltung.

Gelingt es, Netze schneller zu stärken, Investitionen abzusichern und Flexibilität zu belohnen, kann zusätzlicher Industriestrom integriert werden, ohne die Kosten aus dem Ruder laufen zu lassen. Bleibt die Elektrifizierungslücke bestehen, steigen Preis- und Standortrisiken.

Wie sollte Deutschland Netzentgelte und Industriestrom künftig gestalten? Diskutiere mit und teile deine Einschätzung.

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