Dynamische Netzentgelte: Wann Strom je nach Uhrzeit günstiger ist

Viele Stromrechnungen wirken wie eine Blackbox: Du nutzt Strom, und am Monatsende kommt eine Summe heraus. Mit dynamischen Netzentgelten und dynamischen Stromtarifen wird dieses Modell feiner: Der Preis kann sich je nach Uhrzeit (und perspektivisch auch je nach Netzsituation vor Ort) ändern. Das kann für E‑Auto-Laden, Wärmepumpen oder einfach für Haushaltsgeräte spürbar sein, weil sich Verbrauch in günstigere Zeitfenster verschieben lässt. Dieser Artikel erklärt verständlich, welche Preisbausteine dahinterstehen, warum Zeiten mit niedrigen Kosten entstehen und worauf du achten solltest.

Einleitung

Du lädst dein E‑Auto abends nach der Arbeit, die Spülmaschine läuft nach dem Essen und vielleicht heizt eine Wärmepumpe genau dann am stärksten. Das ist bequem, aber oft auch das Zeitfenster, in dem viele Menschen Strom brauchen. Wenn viele gleichzeitig Strom ziehen, wird das Netz stärker belastet und Strom kann teurer sein als zu anderen Tageszeiten.

Genau an dieser Stelle setzen neue Preismodelle an. Statt eines einheitlichen Preises pro Kilowattstunde (kWh) wird der Tarif zeitabhängig: In manchen Stunden ist Strom günstiger, in anderen teurer. Zwei Begriffe werden dabei leicht verwechselt: dynamische Stromtarife (meist an Börsenpreise gekoppelt) und dynamische Netzentgelte (zeit- und perspektivisch netzabhängige Gebühren für die Nutzung der Leitungen).

Beides verfolgt ein ähnliches Ziel: Stromverbrauch dorthin zu schieben, wo er das System weniger belastet oder besser zu viel Wind- und Solarstrom passt. Für dich kann das bedeuten: geringere Kosten, wenn du flexibel bist. Für das Energiesystem bedeutet es: weniger Engpässe und im besten Fall weniger teurer Netzausbau.

Was dynamische Netzentgelte eigentlich sind

Netzentgelte sind ein Teil deiner Stromkosten. Sie bezahlen Betrieb, Wartung und Ausbau der Stromnetze. Klassisch sind diese Entgelte für Haushalte kaum „spürbar“ steuerbar, weil sie nicht nach Uhrzeit variieren. Die Bundesnetzagentur diskutiert im Rahmen der Weiterentwicklung der Netzentgeltsystematik (AgNes) jedoch ausdrücklich eine Dynamisierung dieser Entgelte: also Entgeltbestandteile, die sich zeitabhängig (und perspektivisch auch nach lokaler Netzsituation) verändern können.

Der Gedanke dahinter ist einfach: Wenn das Netz lokal gerade knapp ist, soll ein höheres Entgelt einen Anreiz geben, Verbrauch zu verschieben. Umgekehrt können niedrigere Entgelte Zeiten belohnen, in denen das Netz frei ist oder viel Erzeugung verfügbar ist. Das ist besonders relevant, weil durch E‑Mobilität, Wärmepumpen und Batteriespeicher neue, verschiebbare Lasten entstehen.

Sinngemäß nach den Orientierungspunkten der Bundesnetzagentur: Dynamisierte Netzentgelte sollen Flexibilität dort anreizen, wo Netze zeitweise knapp sind.

Wichtig ist die Abgrenzung: Ein dynamischer Stromtarif kann auch dann günstige Stunden zeigen, wenn die Netzentgelte selbst noch weitgehend statisch sind. Dynamische Netzentgelte wären ein zusätzlicher, netzbezogener Preisbaustein, der die „Uhrzeitlogik“ stärker an reale Engpässe im Verteilnetz koppelt.

Welche Bausteine deinen Strompreis beeinflussen und was dynamisch werden kann
Merkmal Beschreibung Wert
Beschaffung/Marktpreis Preis für die Strombeschaffung (z. B. Spotmarkt), kann zeitlich schwanken. häufig dynamisch (tarifabhängig)
Netzentgelte Gebühren für die Nutzung der Netze (Verteilnetz/Übertragungsnetz); künftig ggf. zeitvariabel. heute meist statisch, perspektivisch dynamisierbar
Messsystem Für zeitvariable Abrechnung sind Messwerte in feiner Auflösung nötig (Smart Meter/iMSys). technische Voraussetzung
Steuern/Abgaben Regulierte Bestandteile, die nicht einfach nach Uhrzeit „mitwandern“. überwiegend fix geregelt
Dein Verhalten/Automatisierung Ob du Lasten (E‑Auto, Warmwasser, Haushalt) verlagern kannst oder ein Energiemanager das übernimmt. entscheidet über Nutzen

Warum Strom nach Uhrzeit schwanken kann

Dass Strom je nach Uhrzeit günstiger sein kann, hat in der Praxis meist zwei Ursachen. Erstens: Der Beschaffungspreis kann sich ändern, weil am Großhandelsmarkt unterschiedliche Preise für unterschiedliche Zeitintervalle entstehen. Zweitens: Auch Netzgebühren könnten künftig stärker zeitabhängig werden, um Engpässe zu vermeiden.

Bei dynamischen Stromtarifen ist der Kernmechanismus relativ direkt: Der Arbeitspreis orientiert sich an Zeitreihen, die Anbieter typischerweise im Voraus veröffentlichen. Laut Verbraucherzentrale bedeutet das aber auch: Du trägst mehr Preisrisiko. Ohne flexible Verbraucher oder Automatisierung kann ein dynamischer Tarif sogar nachteilig sein, weil du dann oft genau in teuren Phasen Strom nutzt.

Warum ist das für erneuerbare Energien und E‑Mobilität wichtig? Wind- und Solarstrom fallen nicht gleichmäßig an. Wenn viel Strom im System verfügbar ist, sinken Marktpreise häufig. Gleichzeitig entstehen neue, gut verschiebbare Verbräuche: Ein E‑Auto muss nicht zwingend um 18:30 Uhr laden, sondern kann – je nach Alltag – auch nachts oder am frühen Nachmittag laden. Genau diese Verschiebung ist für das System wertvoll, weil sie Erzeugung und Verbrauch besser zusammenbringt.

Der zweite Hebel sind dynamische Netzentgelte. Hier geht es weniger um die Frage „Wie viel Strom ist gerade insgesamt da?“ und mehr um „Wie stark ist das Netz in deiner Region zu diesem Zeitpunkt ausgelastet?“. Studien und regulatorische Papiere weisen darauf hin, dass reine Marktpreissignale Lasten synchronisieren können: Wenn alle die gleiche günstige Stunde sehen, kann das lokal neue Spitzen erzeugen. Deshalb wird eine Kopplung aus Marktsignal und Netzsignal als sinnvolle Weiterentwicklung diskutiert.

So nutzt du günstige Zeitfenster im Alltag

Der praktische Nutzen steht und fällt mit einer Frage: Welche Lasten kannst du verschieben, ohne dass dein Alltag komplizierter wird? Am einfachsten ist das bei Dingen, die einen „Energiespeicher“ haben oder bei denen ein Startzeitpunkt egal ist.

E‑Auto zu Hause laden: Wenn du eine Wallbox nutzt und dein Auto viele Stunden steht, kannst du den Ladevorgang auf günstige Zeiten legen. Viele Fahrzeuge oder Wallboxen bieten bereits Zeitpläne. Noch komfortabler wird es mit einem Energiemanagementsystem, das nicht nur nach Uhr, sondern nach Preis signalisiert. Wichtig: Du solltest immer eine Mindestladung einplanen, damit du morgens nicht mit leerem Akku dastehst.

Wärmepumpe und Warmwasser: Auch hier gibt es Spielraum, weil Gebäude und Warmwasserspeicher Wärme „puffern“. Praktisch heißt das: Nicht jede Kilowattstunde muss genau in der teuren Stunde laufen. Gleichzeitig gilt: Komfort und Effizienz gehen vor. Bei sehr niedrigen Außentemperaturen kann es sinnvoll sein, nicht nur nach Preis zu optimieren, weil sich die Effizienz der Wärmepumpe verändert.

Haushaltsgeräte: Spülmaschine und Waschmaschine sind Klassiker für Startzeitverschiebung. Die Ersparnis ist meist kleiner als beim E‑Auto, aber als Gewohnheit ist es unkompliziert: starten, wenn es passt – und wenn der Tarif es hergibt.

Damit das sauber abgerechnet werden kann, braucht es Messwerte, die zeitlich genau genug sind. In Deutschland spielt dabei das intelligente Messsystem (Smart Meter/iMSys) eine zentrale Rolle. Die Verbraucherzentrale nennt als Orientierung, dass für viele Haushalte jährliche Kosten für den Messstellenbetrieb von etwa 40 € anfallen können und bei freiwilligem Einbau einmalig bis zu etwa 100 € möglich sind (tarif- und fallabhängig). Solche Fixkosten solltest du gegen mögliche Einsparungen rechnen, bevor du wechselst.

Eine realistische Faustregel: Dynamische Tarife lohnen sich vor allem dann, wenn du entweder viel Strom in verschiebbare Anwendungen steckst (z. B. E‑Auto, Wärmepumpe) oder wenn Automatisierung das Verschieben übernimmt. Ohne Flexibilität bleibt oft nur die zusätzliche Komplexität – und das Risiko, in teuren Stunden „zu hängen“.

Warum das fürs Netz wichtig ist und was als Nächstes kommt

Dass Stromverbrauch flexibel werden soll, ist nicht nur ein „Spartrick“ für einzelne Haushalte. Es ist ein Infrastrukturthema. Je mehr E‑Autos, Wärmepumpen und Speicher ans Netz kommen, desto öfter entscheidet sich auf der letzten Meile – im Verteilnetz – ob es eng wird. Genau deshalb rückt die Idee dynamischer Netzentgelte in den Fokus: Sie sollen Flexibilität gezielt dort aktivieren, wo sie das Netz entlastet.

Die Bundesnetzagentur skizziert in Orientierungspunkten zur Dynamisierung, dass zeitvariable Komponenten grundsätzlich denkbar sind und dass für eine Umsetzung Messung, Datenverarbeitung und Abrechnung funktionieren müssen. In der Diskussion steht außerdem, die Einführung schrittweise zu gestalten und zunächst dort anzusetzen, wo Flexibilität besonders wirksam ist, etwa bei großen Speichern.

Warum reichen reine Börsenpreise nicht immer aus? Ein wichtiger Punkt aus der Analyse von Agora Energiewende ist die Synchronisation: Wenn sehr viele Haushalte nur nach einem einheitlichen Preissignal optimieren, können lokal neue Spitzen entstehen. Die Agora-Studie von 2023 (diese Quelle ist von 2023 und damit älter als zwei Jahre) modelliert deshalb Szenarien, in denen dynamische Beschaffungspreise mit dynamischen, netzbezogenen Gebühren kombiniert werden. In diesen Szenarien werden einerseits Systemkostenvorteile ausgewiesen (in der Studie rund 4,8 Mrd. € pro Jahr im Jahr 2035), und andererseits wird gezeigt, dass die Art des Netzentgelt-Signals Einfluss auf den Netzausbaubedarf haben kann (in der Studie wird als Größenordnung eine Reduktion zusätzlicher Ausbaubedarfe von 10,5 Mrd. € auf 5,8 Mrd. € genannt, je nach Tarifdesign).

Für dich als Nutzerin oder Nutzer bedeutet das: Die „günstigste Uhrzeit“ ist langfristig nicht nur eine Frage des Marktes, sondern auch eine Frage der Netzsituation. Je besser Tarife beides abbilden – und je einfacher das per App oder Energiemanager nutzbar wird – desto eher wird Flexibilität zum Normalfall. Bis dahin bleibt es wahrscheinlich ein Mix: dynamische Stromtarife für Preisbewusste, punktuelle Netzsteuerung über bestehende Regeln und schrittweise mehr netzbezogene Preissignale.

Fazit

Strom kann je nach Uhrzeit günstiger sein, weil sich der Beschaffungspreis am Markt über den Tag verändert und weil das Energiesystem mehr Flexibilität braucht, um Wind- und Solarstrom effizient zu nutzen. Dynamische Stromtarife machen diese Schwankungen sichtbar und nutzbar, verlagern aber auch Preisrisiken zu dir. Dynamische Netzentgelte gehen einen Schritt weiter: Sie sollen künftig stärker widerspiegeln, wann das Netz vor Ort belastet ist – und damit verhindern, dass viele Verbraucher gleichzeitig in dieselben „Billigfenster“ laufen.

Wenn du ein E‑Auto lädst, eine Wärmepumpe nutzt oder generell viel verschiebbaren Verbrauch hast, kann sich das Prinzip lohnen, besonders mit Automatisierung. Wenn dein Verbrauch kaum flexibel ist, sind Transparenz, Vertragsdetails und Fixkosten wichtiger als die Hoffnung auf ein paar günstige Stunden. Der spannendste Punkt für die nächsten Jahre ist deshalb nicht nur der Tarif, sondern die Frage, wie gut Preis- und Netzsignale zusammengeführt werden – damit dein günstiger Strom auch netzfreundlich bleibt.

Teilst du schon Verbrauch in günstige Zeiten? Schreib, welche Geräte bei dir am meisten Potenzial haben – und welche Hürden dich noch bremsen.

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