Der CO₂-Preis im EU-ETS ist seit 2023 deutlich gefallen. Für dich stellt sich die Frage, ob dadurch der Strompreis sinkt und ob das Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit hat. Auf Basis von Daten der EU-Kommission, der Bundesnetzagentur und wissenschaftlicher Analysen zeigt dieser Artikel, wie stark CO₂-Kosten im Strommarkt durchschlagen, warum Entlastungen auf der Rechnung oft gedämpft ankommen und welche Risiken ein niedriger CO₂-Preis für den Kraftwerkspark bedeuten kann.
Einleitung
Wenn der CO₂-Preis im EU-ETS fällt, klingt das zunächst nach Entlastung. Schließlich verteuern Emissionszertifikate fossile Kraftwerke und schlagen damit auf den Strombörsenpreis durch. Doch auf deiner Stromrechnung taucht der CO₂-Preis nicht als eigene Zeile auf. Er wirkt indirekt, über das Kraftwerk, das gerade den Preis setzt. Und selbst wenn dieser Effekt sinkt, bleiben Netzentgelte, Steuern und Beschaffungskosten bestehen.
Gleichzeitig stellt sich eine zweite Frage: Wenn CO₂ günstiger wird, lohnt sich dann wieder mehr Kohle- oder Gaserzeugung? Und was heißt das für die Stabilität des Systems in Zeiten mit wenig Wind und Sonne? Um das sauber zu beantworten, lohnt ein Blick auf harte Daten der EU-Kommission zum EU-ETS und auf die Preisbestandteile in Deutschland.
Warum der CO₂-Preis im EU-ETS gefallen ist
Laut dem Bericht der EU-Kommission zum Funktionieren des europäischen Kohlenstoffmarkts lag der durchschnittliche Auktionspreis 2023 bei rund 83,6 Euro pro Tonne CO₂. Einzelne Auktionen reichten von 96,33 Euro im Februar bis 66,49 Euro im Dezember. In der ersten Jahreshälfte 2024 wurden Auktionen teils bereits im Bereich um 49,50 Euro abgewickelt.
Ein zentraler Treiber war die stark gesunkene Nachfrage nach Zertifikaten. Die verifizierten Emissionen der ETS-Anlagen sanken von etwa 1.313 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalent im Jahr 2022 auf rund 1.096 Millionen Tonnen im Jahr 2023. Das entspricht einem Rückgang von etwa 16,5 Prozent in nur einem Jahr. Besonders stark fiel die Minderung im Stromsektor aus.
Gleichzeitig griff zwar die Marktstabilitätsreserve. Für 2023 wurde eine Umlaufmenge von rund 1,11 Milliarden Zertifikaten festgestellt, woraus eine Entnahme von etwa 267 Millionen Zertifikaten für den Zeitraum September 2024 bis August 2025 folgte. Dennoch wirkte der Nachfragerückgang schneller und unmittelbarer auf den Preis als diese mengenmäßige Verknappung.
Kurz gesagt: Weniger Emissionen bedeuten weniger Bedarf an Zertifikaten. Wenn die Nachfrage schneller fällt als das Angebot reduziert wird, sinkt der Preis.
Was das kurzfristig für Strompreise bedeutet
Im Strommarkt bestimmt meist das teuerste noch benötigte Kraftwerk den Preis. Dieses Prinzip nennt sich Merit-Order. Häufig sind das Gaskraftwerke. Deren Grenzkosten setzen sich aus Brennstoff, variablen Betriebskosten und dem CO₂-Preis zusammen.
Ein Beispiel aus der Praxis: Bei einem Emissionsfaktor von etwa 0,33 Tonnen CO₂ pro Megawattstunde Strom aus einem modernen Gaskraftwerk verursacht ein CO₂-Preis von 80 Euro pro Tonne rund 26 Euro Zusatzkosten pro Megawattstunde. Das sind etwa 2,6 Cent pro Kilowattstunde. Sinkt der CO₂-Preis auf 50 Euro, reduziert sich dieser Anteil auf gut 1,5 Cent pro Kilowattstunde.
Entscheidend ist jedoch, dass dieser Effekt nur auf den Börsenpreis wirkt. Der durchschnittliche Haushaltsstrompreis lag laut Bundesnetzagentur zum 1. April 2024 bei etwa 41,59 Cent pro Kilowattstunde. Darin stecken Netzentgelte, Steuern, Umlagen und Vertriebskosten. Selbst wenn der CO₂-Anteil am Großhandel um ein bis zwei Cent sinkt, kommt das auf der Endkundenrechnung nur abgeschwächt an.
Hinzu kommt, dass viele Versorger Strom langfristig beschaffen. Kurzfristige Schwankungen am Spotmarkt wirken daher mit Verzögerung oder nur teilweise auf neue Tarife.
Woran du echte Entlastung erkennst
Wenn der CO₂-Preis fällt, lohnt ein nüchterner Blick auf zwei Ebenen. Erstens auf den Börsenpreis. Sinkt der durchschnittliche Day-Ahead-Preis über mehrere Monate deutlich, spricht das für einen strukturellen Effekt und nicht nur für einzelne Stunden mit viel Wind.
Zweitens auf neue Tarifangebote. Werden Grundversorgung und Neukundentarife über mehrere Monate günstiger, kann das ein Hinweis sein, dass niedrigere Beschaffungskosten weitergegeben werden. Bleiben die Preise stabil, obwohl der Großhandel fällt, sind oft Netzentgelte oder langfristige Beschaffungsverträge der Grund.
Wichtig ist auch die Abgrenzung: Heizkosten und Kraftstoffpreise hängen in Deutschland primär am nationalen CO₂-Preis nach dem Brennstoffemissionshandelsgesetz. Das EU-ETS betrifft vor allem Stromerzeugung und energieintensive Industrie. Ein niedriger EU-ETS-Preis macht Heizöl oder Diesel nicht automatisch billiger.
Versorgungssicherheit bei niedrigem CO₂-Preis
Ein niedriger CO₂-Preis verändert die Einsatzreihenfolge im Kraftwerkspark. Wenn Zertifikate günstiger sind, sinken die variablen Kosten von Kohle- und Gaskraftwerken. Das kann ihre Einsatzstunden erhöhen, besonders in Phasen mit wenig Wind und Sonne.
Für die Versorgungssicherheit ist das ambivalent. Einerseits stehen konventionelle Kraftwerke wirtschaftlich stabiler da, was kurzfristig die Verfügbarkeit erhöhen kann. Andererseits schwächt ein dauerhaft niedriger CO₂-Preis Investitionsanreize für flexible, emissionsarme Technologien.
Gegensteuern soll das feste Mengengerüst des EU-ETS. Die Marktstabilitätsreserve entzieht bei hoher Umlaufmenge Zertifikate und die Obergrenze sinkt jährlich weiter. Zudem werden überschüssige Zertifikate oberhalb bestimmter Schwellen dauerhaft gelöscht.
Beobachten kannst du vor allem drei Signale: den Netto-Stromimportsaldo Deutschlands, starke Preisspitzen in sogenannten Dunkelflauten und die Entwicklung der Kohleverstromung. Steigen diese Größen parallel bei niedrigem CO₂-Preis, deutet das auf eine veränderte Struktur im Strommarkt hin.
Fazit
Der Preisrückgang im EU-ETS ist vor allem durch sinkende Emissionen und geringere Nachfrage nach Zertifikaten erklärbar. Kurzfristig kann das den Börsenstrompreis um einige Euro pro Megawattstunde entlasten. Auf deiner Stromrechnung kommt davon meist nur ein Teil an, weil Netzentgelte und andere Bestandteile dominieren.
Für die Versorgungssicherheit bedeutet ein niedriger CO₂-Preis keine akute Gefahr, verändert aber die wirtschaftlichen Anreize im Kraftwerkspark. Entscheidend bleibt, wie sich Emissionen, Stromimporte und Preisspitzen in den kommenden Monaten entwickeln.





